Gaming

Die Free2Play-Illusion von SW:ToR

Im Dezember 2011 war es endlich so weit: das seit Jahren gerade von Star Wars-Fans erwartete MMO "Star Wars: The old Republic" öffnete seine Pforten und versprach einzigartigen Spielspaß durch besondere Klassenstories, voll vertonte Quests, und echtes Star-Wars-Feeling. Ich gehörte auch zu den Enthusiasten der ersten Stunde, nach mehreren Jahren voller Fantasy-lastiger Online-Games wie Platzhirsch "World of Warcraft" hatte ich genug von Orks, Elfen und sonstigen genretypischen Elementen. 

Die ersten Spieltage vergingen wie im Flug, so vieles gab es auszuprobieren und zu spielen - doch je weiter die Monate fortschritten, desto gleichförmiger wurde die Spielerfahrung. Das Endgame entsprach in vielem dem 'großen Bruder' WoW - man konnte raiden, gemeinsam Dungeons besuchen und PvP betreiben. Auch die spannenden Klassen-Stories konnten nicht verbergen, dass beim Leveln eines Zweit- oder Drittcharakters in jedem Levelgebiet nur dieselben Quests warteten. Spätestens beim dritten Durchgang auf einer der beiden Fraktionsseiten wurde das Ganze zuerst langweilig, dann mühsam. 

Die bei Spielrelease so blumig versprochenen Neuerungen ließen mehr und mehr auf sich warten, auch die eilig nachgeschobenen Content-Patches konnten mich spätestens im September 2012 nicht mehr davon überzeugen, mein Abonnement (13€ im Monat) weiterzuführen. Ich verließ das Spiel und verpasste die Umstellung auf ein Free-to-Play-Modell vollkommen. Künftige Spieler mussten nun das Spiel nicht mehr kaufen (wie ich und die vielen anderen zu Release), sondern konnten nach einem Download sofort einsteigen - allerdings mit deutlichen Einschränkungen im Spielalltag. 

Altspieler ohne Abonnent und Spieler, die bereits einmal die neue Pay-Währung Kartellmünzen gekauft hatten, bekamen den 'preferred' Status, der mehr Charakterslots und einige der Einschränkungen weniger eines f2p-Accounts hatten.Wer weiterhin abonnieren wollte, erhielt für die üblichen 13€ im Monat den vollen Zugriff auf alle Spielinhalte.

Doch wer nun glaubt, dass das Spielerlebnis durch den Kauf von ingame-Freischaltungen mit Kartellmünzen dem eines Abonnenten-Accounts nahe kommen könnte, den muss ich enttäuschen. Ich habe vor einigen Tagen eine kleine Rechnung aufgestellt und mir die Preise aus dem Kartellmarkt herausgeschrieben, um das Ganze zu vergleichen. Gerade Einschränkungen wie ein für f2p-Spieler nicht vorhandenes Bankfach, eine Minimalanzahl an Inventarslots, die sich nur durch den Einsatz von Kartellmünzen erhöhen lassen und andere Nettigkeiten lassen den f2p-Account sehr unattraktiv erscheinen. 

Ich bin im Nachhinein sehr froh, dass ich durch mein früheres Abonnement bereits den 'preferred' Status hatte, als ich zu SW:ToR zurückkehrte. Wohlgemerkt, nicht um wieder in derselben Intensität zu spielen wie früher, sondern um zu sehen, ob und was sich verändert, vielleicht sogar verbessert hatte. Denn tief in meinem Herzen fühle ich mich spielerisch in SciFi-Szenarien ein bisschen wohler als im Fantasy-Einheitsbrei, der einem von vielen Publishern in stetiger Neuauflage zugemutet wird.

Beginnen wir also mit den Dingen, die der Abonnenten-Account kann und der f2p/preferred nicht - ich nenne hier die Kosten für den Kauf des jeweiligen Features für den gesamten Account; man kann die Features aber auch nur für einen einzelnen Charakter erwerben:

Farben vereinheitlichen 775 
Titel anzeigen 150
Kopfausrüstung verbergen 775
Vermächtnisname anzeigen 200
Zusätzlicher Crewfertigkeitenslot 945
Gildenbank-Zugriff 1350
Berechtigung Artefakt-Ausrüstung 2700
Ereignis-AusrüstungsRequisition 400
Crewmitglied-Erscheinung 725
10 Verkaufsslots im Galaktischen Handelsmarkt 280
Zusätzliche Frachtrampe 1050
Laderaum-Zugriff (auf dem Schiff) 1050
Inventarmodul 390
Zusätzlicher Charakterslot 600 (als f2p-preferred bekommt man 5 freie Slots auf einem Server, also mindestens 7 Slots zusätzlich, um auf die 12 Abonnentenslots zu kommen)
Vermächtnis-Freischaltung Rasse X 600 (Sith-Reinblüter kann man als f2p/preferred nicht als Rasse wählen, also mindestens 600 Münzen)

Mit 7 Charslots und einer Rassenfreischaltung komme ich hier aufeinmalig bezahlte 15590 Münzen. Da ich noch 'alte' Charaktere hatte, hatten diese auch weitaus mehr Credits auf ihren jeweiligen Konten als die Beschränkung für f2p/preferred-Accounts erlaubt - denn ab 350.000 Credits (die ingame durch Questlösung und Handel mit Gegenständen erhältliche Währung) wandert neuer Verdienst auf ein Treuhandkonto und muss mittels Kartellmünzen aus diesem Treuhandkonto herausgekauft werden.

Credits-Treuhandkonto-Transfer 600.000: 240
Credits-Treuhandkonto-Transfer 150.000: 80
Credits-Treuhandkonto-Transfer 50.000: 40

Je nachdem, wieviel Geld herumliegt, bemisst sich die Menge an Zusatz-Münzen - bei mir wären es für meinen Maincharakter etwa 480+ Münzen.

Als f2p-/preferred-Accountbesitzer kann man pro Woche genau 3 Weltraummissionen, 3 Flashpoints etc. besuchen, bei denen man Loot, Marken und sonstige Belohnungen erhält - wer mehr machen will, bekommt eben keine Belohnungen. Gerade für Leute, die gerne die PvP-Weekly spielen wollen, können dies nicht mehr tun, da die Bedingungen mehr erfolgreich verlaufende Battlegrounds/PvP-Runden erfordern, als ein f2p-/preferred-Accountbesitzer spielen kann. Wer also nicht auf FPs, Ops, PvP und Weltraummissionen verzichten will, zahlt für einen Wochenpass folgendes:

Wochenpass Weltraummissionen 240
Wochenpass Flashpoints 240
Wochenpass Operationen 240
Wochenpass Kriegsgebiete 240

Das heisst, wenn ich alles vier haben will, und das vier Wochen lang, bezahle ich insgesamt 3480 Kartellmünzen. Pro Monat!

Kommen wir noch zu den Dingen, die man NICHT mit den Kartellmünzen erwerben kann:
  • man kann als f2p/preferred Post nur mit einem Anhang statt 8 Slots verschicken, und Credits gar nicht
  • man kann nur 3 der 5 möglichen Gefährten zum Arbeiten in Handwerksberufen und Sammelfertigkeiten schicken
  • man kann Herstellungs-Aufgaben nicht in Reihe schalten (will man also 5 Armierungen herstellen, weist man 3 Gefährten an, jeweils eine Armierung herzustellen und wartet ab, bis die Herstellung beendet ist, und vergibt dann nochmals an zwei Gefährten jeweils einen Auftrag. Abonnenten vergeben einen Auftrag an einen Gefährten, der diesen 5mal nacheinander ausführen kann)
  • man erhält KEINE Erholungszeit in Cantinas/auf der Flotte
  • man erhält nicht die volle Auswahl an Quesbelohungen, Creditkisten sind grundsätzlich nicht zu bekommen
  • die Schnellreise funktioniert nur alle 2h - eine EINWEG-Schnellreise kostet 90 Münzen
  • den Notfall-Flottenpass gibt es für f2p/preferred nicht mehr - ein EINWEG-Notfalltransport zur Flotte kostet 90 Münzen
  • medizinische Sonden gibt es nach Lvl10 nicht mehr - ein 5er-Paket Sonden kostet 400 (!!) Münzen 
  • f2p-/preferred-Spieler haben beim Ausüben von Handwerksberufen nur eine eingeschränkte Chance auf kritische Erfolge, dh. bessere Ergebnisse; dies gilt anscheinend auch für die Chance, durch das Zerlegen von Gegenständen Rezepte neu zu lernen
Und, was mich ganz besonders nervt, man trifftals f2p/preferred-Spieler an jeder möglichen Ecke auf diese kleinen hübschen Hinweise, dass man doch als Abonnent Zugriff auf diese oder jene Sache hätte und man solle doch ein Abonnement abschließen. Bei jeder Quest beispielsweise, oder bei jedem Betreten einer Ruhezone wie Cantinas oder der jeweiligen Fraktions-Flotte. 
Dass sich ein Spieler bewusst dafür entscheidet, kein Abonnement abzuschließen und damit auch einige merkliche Einschnitte hinnimmt, sollte nicht zu einer dauernden Werbebombardierung führen. Das ist ein bisschen so, als würde man auf die Toilette gehen, nach erfolgter Betätigung nach dem Toilettenpapier greifen, auf der Rolle nur noch ein einziges Blatt vorfinden und dann an der Wand in einem verschlossenen Behälter lauter Klopapierrollen zu sehen bekommen. Dazu die Aufschrift: Du könntest Klopapier bekommen, wenn Du Abonnent wärst!

Wer mir nicht glaubt, werfe einen Blick auf diese Kollektion:

Rein rechnerisch würde ich für einen 'einigermaßen Abonnentennahen f2p-Account' also 15590+480+1 Monat Voller Spaß=3480 insgesamt 19550 Münzen bezahlen, dann in den Folgemonaten 3480 Münzen für die Beschäftigungstherapie.
Man bekommt für 35€ 5500 Münzen, das heisst: 35,00€ : 5500 x 17150 =124,40 € ; ich bezahle also eingangs etwa 120€ für einen Account, der nicht dasselbe kann wie der eines Abonnenten, und danach nochmal 22€ pro Monat, damit ich mich mit OPs, FPs, PvP und Weltraummissionen beschäftigen kann. 
Dass diese Rechnung den Spieler zum Abonnement treiben soll, liegt auf der Hand - denn trotz vermehrtem Geldeinsatz habe ich nach wie vor NICHT den Stand des Abonnenten, auch wenn ich die Münzen dafür ausgeben wollen würde.

f2p/preferred bedeutet also im Grunde nur eines: frei zu sein, mehr zu bezahlen und weniger zu bekommen. Nun könnte man auch mit dem Argument kommen, dass man das Spiel schließlich nicht bezahlen müsse und dafür auch nicht besonders viel erwarten könne. Doch halt, ich HABE das Spiel bereits bezahlt, nämlich im November 2011, damals zum Vollpreis von 50€, und danach ein Dreivierteljahr einen Account mit 13€ pro Monat. 
Ein Spiel, bei dem die Entwickler weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind und auch heute nicht unbedingt viel mehr bieten als damals. Größeren Zusatzcontent wie den neuen Planeten Makeb/'Rise of the Hutt Cartel' muss man nämlich nochmals extra bezahlen, und das auch als Abonnent. Auch die neu eingeführte Rasse Cathar kostet sowohl den Abonnenten wie auch den f2p-Spieler 600 Kartellmünzen (nur erhält der Abonnent pro Monat für sein Abonnenment 600 Münzen kostenfrei überschrieben und muss kein Extrageld dafür einsetzen).

Doch mit einem Blick auf den Publisher macht das alles Sinn: EA ist seit längerem für ausgesprochen profitorientiertes Handeln bekannt und hat auch die Collector's Edition-Käufer, die für ihre CE 150€ bezahlt haben, ziemlich über den Tisch gezogen. Denn der vollmundig angekündigte CE-Vendor ingame, der regelmäßig neuen Content exclusiv für Collector's Edition-Besitzer anbieten sollte, hat auch heute nur zwei Items im Verkauf.
Und wie geht es weiter? Das wissen wir nicht, aber ich bin mir in einer Sache sicher: Ein Abonnement werde ich mir nicht mehr zulegen, dafür ist das Spiel nicht mehr spannend genug. Und für Rollenspiel braucht man die meisten der Freischaltungen nicht, sondern nur Mitspieler. Die gibt es glücklicherweise noch kostenfrei - und beide Seiten stecken Zeit und Spaß hinein, um sich gemeinsam gut unterhalten zu können.

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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