Der perfekte Moment

Der perfekte Moment: Von hinten durch die Brust ins Auge



"Es wird Sie jemand kontaktieren."
So ein einfacher Satz, und doch behaftet mit einer Menge Gedanken. Im Grunde war es reiner Zufall gewesen, der Lieutenant Lienas van Arden hatte über einen Eintrag in der Personalakte von Corporal Eliohann Crey stolpern lassen. Eine klassische Formulierung, die den Wissenden andeutete, dass dort etwas vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen war und sofort ihre Neugierde angeregt hatte. Angesichts des ansonsten eher drögen und von sich immer wiederholenden Tätigkeiten geprägten Dienstalltags bislang hatte sich der Teil von ihr, der noch immer mehr Ex-IGD-Agent war als Offizier, hechelnd und begeistert auf die neue Spur gestürzt, um sie zu verfolgen. 
Dass sie zudem über die Sicherheitsfreigaben ihres Vorgesetzten verfügen durfte, hatte die Sache leicht gemacht und Interessantes aufgestöbert. Und es lenkte von der Tatsache ab, dass es in der Sache ihres Bruders keinerlei Fortschritte gegeben hatte, nicht einmal den Hauch einer Andeutung vom Ministerium.

Die meisten Menschen häuften im Lauf eines Lebens kleine und große Geheimnisse an - andere starteten sogleich mit Problemen, die sie hinter sich zu lassen versuchten. Crey verband beides miteinander auf eine Art und Weise, die für die Offizierin schon fast amüsant gewesen war. Disziplinarverstöße. Involvierung in die Angelegenheiten einer Sith-Lord, die ihm zudem derzeit wohl nicht ganz grün war. 
Und eine Herkunft, welche die Involvierung zumindest teilweise erklärte - sie würde sich wohl doch noch mit den komplexen Verhältnissen der alderaanischen Adelsfamilien untereinander beschäftigen müssen, um die Angelegenheit im Auge zu behalten. Sei wachsam. Vertraue niemandem. Handle mit maximaler Effizienz. Zeige keine Gnade gegenüber den Feinden des Imperiums.
Der alte Auftrag, der ihr bereits in der Ausbildung vermittelt worden war, bestand noch immer, auch wenn es den alten Imperialen Geheimdienst nicht mehr gab und damit auch nicht die zumindest teilweise vorhandene Unabhängigkeit von den allgegenwärtigen Launen der Sith. Dass ausgerechnet ein weiterer Sith sie auf eben diesen Auftrag neu eingeschworen hatte, war schon fast eine amüsante Pointe eines Witzes, den man besser verschwieg.

Crey hatte wie ein aufgescheuchter Nexu reagiert, als sie ihm durch eine vage Andeutung signalisiert hatte, dass sie etwas über ihn wusste. Und er hatte sogleich reagiert, ein Gespräch vorgeschlagen, bei dem er versuchte, sich ihrer Verschwiegenheit zu versichern. Vertrauen sollten sie einander, loyal sein. 
Seltene Worte bei jemandem, den sie noch nicht einmal eine Woche lang kannte und dessen Art, mit dem Leben umzugehen, auf seltsame Weise vertraut erschien. Dann lag der Kommunikator in ihrer Hand, den ihr Crey mit einem Satz nur übergeben hatte. Es wird Sie jemand kontaktieren. 

War es nun der erste Schritt in ein Abenteuer? Oder eine Intrige, hinter der wie stets irgendein Sith versuchte, seine Interessen zu wahren? Hatte sie eine Art Prüfung durch ihr Schweigen absolviert? Zu viele Variablen, zu wenig Konstanten - sie würde abwarten und sehen, was sich ereignete.
Aber sie wäre nicht Lienas van Arden gewesen, wenn sie das kleine Geschenk aus noch unbekannter Hand nicht auf Herz und Nieren geprüft hätte - genauer gesagt auf Abhörtechnik, Peilsender oder ähnliche Gimmicks, die dem eigentlichen Spender erlaubt hätten, ein Bewegungs- und Handlungsprofil zu erstellen. 
Es stellte sie seltsam zufrieden, dass sie dergleichen nicht hatte finden können - es war ein Empfänger, und nicht viel mehr. Die Scanergebnisse ließen vermuten, dass das Gerät ein Verstärkersignal benötigte, um aktiv zu arbeiten, aber das zu finden würde sie Spezialtechnik benötigen - und jemanden, der ihr das Zeug ohne viele Fragen auslieh.

Vertrauen. Ein starkes Wort, das sie in den letzten Wochen zu verfolgen schien. Auch aus dem Mund von Captain Thrace, dessen fatale Neigung, sich in das Schneckenhaus seiner gedämpften Reaktionen zurückzuziehen, an einem eigentlich lustigen Abend ausgerechnet durch den anderen Captain in ihrem direkten Umfeld meisterhaft ausgelöst worden war.
Neben der Tatsache, dass Stryder-Garrde auf ein verkorkstes Wochenende durch sein forsches Hereinschanzen samt dienstlicher Themen in eine gemütliche abendliche Runde im HQ noch das Tüpfelchen auf das I gesetzt hatte, hätte sie ihn schon allein deswegen treten können, dass er ihre Versuche, Thrace ein bisschen lockerer zu machen, dermaßen sabotierte. Captain Stocksteif hatte wirklich ein seltenes Talent dafür, auf eine eigentlich entspannte, miteinander scherzende Gesellschaft wie ein Eimer mit eiskaltem Wasser zu wirken. Selbst der sonst gut gelaunte Staff Sergeant Limsharn hatte nach dieser Begegnung irgendwie gedämpft gewirkt.

Überhaupt waren die letzten Tage unerfreulich gewesen. Warum Sergeant Morrison unbedingt im Nahkampf gegen Lienas antreten wollte, war ihr nach wie vor ein Rätsel. Selbst mit dem Wunsch, sich mit einem geübteren Kämpfer zu messen, erklärte sich ihre Vehemenz nicht. Suchte die Sergeant nach einer Freundin? Oder sogar einem Vorbild? Für beides würde sich Lienas nicht eignen, da machte sich die Offizierin keine Illusionen. Vor allem nicht als Vorbild. Man wurde nur besser, wenn man sich an sich selbst maß, denn Vorbilder neigten dazu, einen zu enttäuschen. Zu bröckeln. Oder gleich ganz vom Sockel zu stürzen, wenn es hart auf hart kam.

Sie war nicht einmal eine besonders gute Schwester oder Schwägerin. Natürlich hatte sie sich bereitschlagen lassen, mit Elira Babykleidung einkaufen zu gehen, um die Schwangere von ihrem verschollenen Mann abzulenken. Dass Elira dabei allerdings etwa fünfzehn Mal daran vorbei geschrammt war, von Lienas gefesselt, geknebelt und in einer Abstellkammer zurückgelassen zu werden, war der zwischen Enthusiasmus und Hyterie schwankenden, baldigen Mutter offensichtlich entgangen. Lienas hatte sich dermaßen zusammen reißen müssen, um nicht zu eskalieren, dass sie auch zwei Tage danach noch das Gefühl hatte, Muskelkater in den Wangenmuskeln zu haben, denen sie ein Lächeln aufzwingen musste.
Am Abend hatte sie sich abgesetzt, in jenen Club, in den vor allem Militärs gingen, um sich abzulenken. Pazaak, Sabacc, gehaltvolle Getränke, Zigarren. 
Ein hervorragender Ort, um sich Spaß für eine Nacht zu suchen, und danach entspannt wieder zum Dienst zurückzukehren. Nur das hatte auch nicht geklappt, denn ausgerechnet dort hatte sie auf PFC Jiros treffen müssen. Jiros, der ein ungemein vorsichtiger Spieler bei Glücksspielen war und sie mit dem Einsatz, ihr bei ihrem Flimsikram zu helfen, wenn sie gewänne, zu ein paar Runden Pazaak gelockt hatte. 
Es war keine gute Idee, sich mit ihm anzufreunden, das wusste sie, und doch war sie nicht gegangen. Sich nicht einmal gefragt, wie Jiros ausgerechnet auf diesen Club gekommen war. Einige Tage später hatte sie sich diese Frage sehr wohl gestellt. Du wirst nachlässig, hörte sie die mahnende Stimme ihres einstigen Ausbilders im Hinterkopf und musste ihm Recht geben. 

Dieser verdammte Außenposten machte sie verrückt. Keine Nachricht von ihrem Bruder zu haben machte sie verrückt. Dass nichts so lief, wie sie es sich vorgestellt hatte, machte die Sache nicht besser. Eine bevorstehende Truppeninspektion durch Colonel Keeler, deren Name von so einigen nur im Tonfall der Achtung ausgesprochen wurde, verdarb ihr die gesamte Woche. Wieder würde mit hoher Wahrscheinlichkeit nur auf Kinkerlitzchen herumgeritten werden. Welcher Soldat wie seine Wäsche faltete oder ob irgendwelche Formulare richtig ausgefüllt waren - so viel hatte sie beim Sturmregiment bislang gelernt. 
Formulare waren ungemein wichtig. Wichtiger vielleicht als der gesunde Menschenverstand oder Intuition. Und das war für Lienas' Begriffe einfach falsch. Ohne ihren Instinkt war sie verloren, und doch schien die halbe Welt zu erwarten, dass sie darauf verzichtete. Dass sie sich den Regularien vollkommen anpasste, so wurde wie der Rest der Offiziere. Lieutenant Stocksteif van Arden?
Lienas legte den Kommunikator auf ihrem Schreibtisch beiseite und rückte den Kragen ihrer Uniformjacke zurecht, eine Handbewegung, die ihr seit zwei Monaten zu einer ständigen Begleiterin geworden war. Sei wachsam. Vertraue niemandem. Noch immer war ihr nicht klar, warum der Lord ausgerechnet sie angefordert hatte, aber auch hier würde sie Geduld haben müssen. Und weitermachen wie bisher, selbst wenn es bedeutete, sich wie eine Bombe kurz vor einer Explosion zu fühlen. Nach dem letzten Termin des Abends würde sie wieder laufen gehen müssen...

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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