Animationsfilm

Rezension: Alles steht Kopf

Als Riley in Minnesota auf die Welt kommt, werden auch gleichzeitig in ihrem Kopf die fünf Gefühlsmanifestationen Joy (Freude), Sadness (Kummer), Anger (Wut), Disgust (Ekel) und Fear (Angst) zum Leben erweckt, die in Rileys Unterbewusstsein in der Kommandozentrale leben und für Rileys Gefühlshaushalt, ihr Handeln und ihre Erinnerungen zuständig sind. 

Jede neue Erinnerung wird in ein Kugel gespeist, die am Ende jeder Wachperiode ins Archiv verlegt werden, das Langzeitgedächtnis. Die wichtigsten fünf Erinnerungen – so genannte Kernerinnerungen – sind für die Hauptaspekte von Rileys Persönlichkeit verantwortlich, die »Inseln«. Jede »Insel« steht für einen Aspekt ihres Lebens, der Riley besonders stark beeinflusst.
Da sie schon als kleines Mädchen Freude an albernen Aktionen findet, gibt es beispielsweise die »Quatschinsel«, als Hockeyfan hat sie eine »Hockeyinsel« und ihre liebevolle und glückliche Kindheit findet sich in der »Familieninsel«, der »Feundschaftsinsel« und der »Ehrlichkeitsinsel« reflektiert.
Joy fungiert unter den Emotionen als die Anführerin und das verbindende Element, kann aber vor allem mit Sadness nicht viel anfangen, da sie ihren Lebenszweck darin sieht, Riley immer glücklich zu halten. Dabei kommt ihr Sadness immer wieder in die Quere, und so versucht Joy, Sadness mit anderen Dingen beschäftigt zu halten, um sie von einer aktiveren Rolle in Rileys Leben abzuhalten.
Das eigentlich sehr schöne und vor allem glückliche Leben von Riley gerät aus den Fugen, als ihr Vater einen neuen Job in San Francisco bekommt und die Familie umziehen muss – und in der neuen Stadt ist alles schlecht. 

Die fünf Emotionen Disgust, Anger, Joy, Sadness und Fear am Kommandopult
Der Umzugswagen mit allen vertrauten Dingen geht irgendwo in Texas verloren, sodass Riley in ihrem neuen Zimmer im Schlafsack auf dem Boden campieren muss; die so sehr geliebte Pizza wird Riley durch den Pizzaladen um die Ecke versaut, bei dem es nur Pizza mit dem verhassten Brokkoli als Belag gibt;
Rileys Freunde sind viel zu weit weg, um eine gute Verbindung zu halten und bei Rileys erstem Tag in der Schule beginnt sie vor der neuen Klasse zu weinen – ausgelöst von Sadness, die eine der eigentlich glücklichen Kernerinnerungen irrtümlich berührt und sie zu einer traurigen Erinnerung macht. Als Joy versucht, die Situation zu retten, fallen auch die anderen Kernerinnerungen aus deren Halterung, sodass die »Inseln« abgeschaltet und damit instabil werden.

Bevor Joy jedoch die Kernerinnerungen zurücklegen kann, werden sie, Sadness und die fünf Erinnerungskugeln mittels Rohrpostsystem in das Langzeitgedächtnis befördert und lassen Fear, Anger und Disgust alleine in der Kommandozentrale zurück, die nun zum ersten Mal damit konfrontiert sind, ohne Joys Führung klar kommen zu müssen. Joy und Sadness sehen sich mit dem Problem konfrontiert, aus dem unübersichtlichen Langzeitgedächtnis mit seinen unendlich vielen Erinnerungsarchivregalen einen Weg zurück zur Kommandozentrale zu finden, bevor Rileys Leben vollends aus den Fugen gerät...

Die fünf Emotionen betrachten die Persönlichkeitsinseln von Riley
Schon bei einem Blick auf den aberwitzigen Trailer zu »Alles steht Kopf« wusste ich, dass ich diesen Animationsfilm aus dem Hause Pixar unbedingt sehen wollte – und die Vorfreude hat sich absolut gelohnt: schon sehr lange gab es keine solche Perle mehr auf der Leinwand, die von interessanten und gut umgesetzten Ideen gerade so strotzt. Schon der Grundgedanke einer Visualisierung der fünf Grundemotionen mit sehr gelungenen Toons hat etwas für sich. Blickt man nicht nur in Rileys Kopf, sondern auch in den der Menschen um sie herum, erkennt man auf den ersten Blick Altbekanntes, aber auch genug Unterschiede, um die Individualität anderer Personen abgebildet zu sehen.

Eine der besten Szenen wird leider schon in einen der Trailer gepackt – das Gespräch am Abendessentisch, bei dem Rileys Mutter versucht, etwas über Rileys ersten Schultag zu erfahren und sich dabei Unterstützung von ihrem Ehemann einfordert, der zunächst gar nicht weiß, was seine Frau gerade eigentlich von ihm will. Auch als Riley einen Jungen kennenlernt, der gerade in der Anfangsphase seiner Pubertät steckt und in dessen Kopf es bei ihren eigentlich nur nett gemeinten Worten ordentlich rund geht, zeigt das Fünf-Emotionen-System, wie viel es eigentlich kann.

Rileys erster Schultag in der neuen Schule wird zu einem echten Disaster...
Natürlich könnte man den Film auf ein bloßes Coming-of-Age-Märchen in quietschbunten Farben reduzieren, aber das wird meines Erachtens nach der Tiefe der Story nicht wirklich gerecht. Neben Rileys vordergründiger Bewältigung ihrer neuen Lebenssituation und den sich daraus ergebenden Schwierigkeiten zeigt die zweite Erzählebene, dass das Leben nicht nur schwarz und weiß sein kann, sondern von Zwischentönen und oft auch bittersüßen Momenten bestimmt wird.

Joys Versuch, Rileys Leben so glücklich wie möglich zu halten, indem sie die Menge an traurigen Erinnerungen so klein wie möglich hält, erweist sich nach und nach als die vollkommen falsche Taktik. So entwickelt sich auch Joys Verständnis ihrer Aufgabe und der Wichtigkeit der anderen Emotionen weiter. Es findet also auch eine innere, sehr geschickt dargestellte Weiterentwicklung und ein Reifeprozess von Riley statt, der sie an die Schwelle zur Pubertät bringt und die komplexer und tiefgründiger werdende emotionale Grundsituation beleuchtet.
Dabei wechseln sich in bester Disney-Manier schreiend komische Momente mit den nachdenklicheren, traurigen Momenten gekonnt ab, sodass genügend Abwechslung gegeben ist und man dem Fluss der Erzählung mit innerer Neugierde folgen kann.

Die Emotionen betrachten eine von Rileys Kernerinnerungen - hier die von 'Hockey'
Schillernde Figuren wie Rileys imaginärer Freund Bing Bong, den sie als kleines Mädchen liebte, ihm dann aber entwachsen ist, der Alptraumclown aus den tiefsten Tiefen ihres Gedächtnisses, die Wesen aus dem »Imagination Land« und die Schauspieler von »Dream Works«, welche Nacht für Nacht ein spannendes Programm in Rileys Träume zaubern, sind nur wenige Beispiele für die Ideenflut der Autoren. Selbst irre herumspringende Katzen werden in »Alles steht Kopf« erklärt – oder, unter welchem Druck coole Kids so im allgemeinen stehen, um auch wirklich für jeden cool zu erscheinen.

Dabei ist die deutsche Synchronisation schon sehr gut und bringt sowohl Stimmung als auch Persönlichkeit der Charaktere gut `rüber, reicht aber nicht ganz an die Trockenheit und Griffigkeit des englischen Originals heran (»Congratulations San Francisco, you`ve ruined pizza!« / »The foot is down!«).
Ich hatte das Vergnügen, schon vor dem Erscheinen in den deutschen Kinos bei zwei Langstreckenflügen im Bord-TV »Alles steht Kopf« ansehen zu können und habe es mir auch nicht nehmen lassen, das englische Original zu genießen: wer gut genug englisch spricht, um einen Film anzusehen und zu verstehen, sollte sich das nicht entgehen lassen. Geschickt wird mit Musik und Farbgebung gearbeitet - Rileys neue Umgebung in San Francisco gerät bei wachsender Traurigkeit und Depression in immer grauere Farben, während die Welt der Emotionen in ihrem Kopf stets bunt und knallig dargestellt wird.

Sadness und Joy sind in den Archiven des Langzeitgedächtnisses verloren gegangen...
Nach dem wirklich herausragenden »Wall-E« hat es für mich gute sieben Jahre gedauert, bis Pixar wieder eine rundum überzeugende, ebenso lustige wie tiefsinnige Story zu Wege gebracht hat, die sich ein bisschen von anderen Animationsfilmen abhebt und über den Rahmen einer Coming-of-Age-Story hinausgeht. So amüsant auch Vorgänger wie »Cars 2«, »Toy Story 3« oder »Monster Universität« sein mochten, waren sie doch vor allem Fortsetzung bereits installierter Marken und boten keinen wirklich neuen Zugang zu einer frischen Idee.

Mit »Alles steht Kopf« haben die Pixar-Macher, allen voran Regisseur und Erfinder Pete Docter, bewiesen, dass es glücklicherweise auch anders geht und die Disney-Millionen mehr zustande bringen. Dabei dürfte das geeignete Alter, um mit den beiden Erzählebenen des Filmes zurecht zu kommen, trotz FSK 0 eher bei Teenagern und Erwachsenen liegen denn bei Vorschul- oder Schulkindern, gerade weil erst gereifte Persönlichkeiten das Gefühlschaos der beginnenden Pubertät wiedererkennen und nachvollziehen können.

Fazit: Neun von zehn Punkten – wer Animationsfilme mag und eine gute Story liebt, kann mit diesem Film einfach nichts falsch machen.

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Filmdetails:
Titel: Alles steht Kopf
Originaltitel: Inside Out
Originalsprache: Englisch
Erscheinungsjahr: 2015
Länge: 94 Minuten
Altersfreigabe: FSK0
Regie: Peter Docter
Sprecher: Amy Poehler, Phyllis Smith, Bill Hader, Lewis Black, Mindy Kaling, Richard Kind, Kaitlyn Dias

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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2 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Ich würde sogar 10 Punkte geben. Fand den Film Weltspitzenklasse :)

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    1. Zehn Punkte gab es wegen einem Manko nicht - ich fand die Einblicke in andere Köpfe viel zu selten, und das hätte man noch besser ausreizen können, wenn man schon so ein System erschaffen hat. Gerade die Szene am Küchentisch nach Rileys erstem Schultag in San Francisco zeigt, wieviel man daraus machen kann :)

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