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Meine Top 10 Obsessionen während der 90er


Ich bin zwar ein Jahrgang 1979, aber die 80er sind dann doch eher eine Erinnerung, die für mich viel mit der freien Natur, Lego und Büchern zu tun hat - richtig bewusst erlebt habe ich eigentlich erst die 90er. Das Jahrzehnt, in dem ich Abitur gemacht und zum Studium von zuhause weggegangen bin, die erste große Liebe, die ersten großen Enttäuschungen und natürlich auch die Teenagerzeit, die voller Erfahrungen steckte, die man nie mehr vergisst.
Deswegen habe ich mich auch gleich auf die Blogparade von Thilo im Nerd-Wiki gestürzt, die sich mit den 90ern beschäftigt - denn hier gilt es, die 10 größten Obsessionen aus den 90ern zu verraten. Herrjeh, das ist ein bisschen wie eine ganz seltsame Zeitreise, denn bis vor ein paar Wochen habe ich eigentlich eher weniger daran gedacht, wie es damals war. 'Damals' klingt auch schon wieder sehr krank, als wäre ich knapp um die 70 und würde mich zittrig wie eine alte Oma an meine goldene Kinderzeit erinnern.

Da ich auf dem Land aufgewachsen bin, war meine Teenagerzeit eigentlich erfüllt von dem Wunsch, da auch wieder wegzukommen - zu limitierte Möglichkeiten, und unter den wenigen Gleichaltrigen war es ungemein schwer, Leute zu finden, mit denen ich gleiche Interessen hatte. Dennoch hat's geklappt, vom Rollenspiel-Virus angesteckt zu werden (natürlich war DSA mein allererstes Rollenspielsystem, was denn sonst) und ich habe unendlich viel Zeit mit Büchern verbracht.
Bei uns zuhause gab's kein Privatfernsehen, dafür eine Menge politischer Sendungen auf den Öffentlich-Rechtlichen, sodass mir Phänomene wie 'Baywatch' und 'Beverly Hills 90210' total entgangen sind. Dafür aber hatten wir als eine der ersten Familien in der Umgebung einen Computer, an den ich ebenfalls randurfte - ich würde mal vermuten, meine Netz- und Gamingaffinität stammt genau aus dieser Prägung. Aber genug der Vorworte - hier kommen meine Obsessionen aus den 90ern, ohne eine besondere Wertung.

01. Point'n'Click-Adventures
Die 90er waren die absolute Hochzeit für Adventures - und nachdem mein Papa meine Leidenschaft für diese Spiele teilte, haben wir gemeinsam vor dem Bildschirm gesessen und geknobelt, wenn wir nicht mehr weiterkamen. In einer Zeit, in der man eben nicht mal eben nach einem Walkthrough googlen konnte, musste man noch echtes Hirnschmalz aufbringen, um die teilweise extrem vertrackten Rätsel zu knacken. Die beiden Indiana-Jones-Games waren da richtungweisend, um mich echt süchtig zu machen, gerade durch die drei alternativen Lösungswege bei 'Fate of Atlantis'. Ich weiss wirklich nicht mehr, wieviele Stunden wir da gemeinsam verbraten haben, aber es waren sicherlich eine Menge. 
"Day of the Tentacle", die beiden 'Monkey Island'-Spiele und "Sherlock Holmes und der Fall des gezackten Skalpells" waren da die absoluten Renner. Was haben wir teilweise geflucht und auch abends noch beim Abendessen diskutiert, wie man wohl bei einer vertrackten Stelle weiterkommen könnte - so eine Sog- und Suchtwirkung habe ich in den Jahren später nur bei wenigen Spielen wirklich gespürt. Und deswegen greife ich aus Prinzip auch heute noch gerne zu Adventures im Retro-2D-Point'n'Click-Stil, wenn ich sie irgendwo auftreiben kann.

Sherlock Holmes und Dr. Watson bei der Untersuchung eines Mordschauplatzes

02. James Bond
Ein besonderes Highlight waren für mich immer die Samstagabende, wenn auf der ARD die James-Bond-Filme liefen. Ich hatte Flemings Romane schon dank der Stadtbücherei verschlungen, das Ganze dann immer mal wieder verfilmt zu sehen, war da natürlich ein echter Genuss. Und das Beste war, dass mein Papa meine Leidenschaft für Bond teilte und mir deswegen auch schon mit 14 erlaubt hat, die Filme zu sehen, die über Mitternacht hinaus liefen.
Vermutlich war ich auch deswegen nie besonders anfällig für den Charme von Boybands mit pickeligen Jungmännern - meine männlichen Vorbilder waren nun einmal Sean Connery und seine Mitschauspieler bei der Verkörperung meines Lieblingsspions. Und gegen diese distinguierten Gentlemen waren herumhüpfende Halbwüchsige einfach keine Konkurrenz. Inzwischen spielt Sean Connery längst nicht mehr den Bond, aber die Liebe zu dieser Figur ist geblieben. Auch heute suchte ich noch immer so gut wie alles, was damit zu tun hat - zuletzt den neuen Bond-Film Spectre. Hachja! Der wird vermutlich immer ein Dauerbrenner bleiben.

03. Comics
An dieser Stelle gebührt den Ladies aus der Stadtbücherei Crailsheim mein Respekt. Wer schon in den achtzigern (da fing die Comicleserei bei mir nämlich an) den Mut hatte, europäische Comics abseits von Lucky Luke und Asterix mit ins Leseprogramm aufzunehmen, musste schon ein bisschen ein Nerd sein. Und so erhielt ich Zugriff auf Schätze wie 'Prinz Eisenherz',  'Yoko Tsuno', 'Mortimer & Blake', 'Percy Pickwick', 'Spirou  & Fantasio' und viele andere francobelgische Helden, ohne die ich sicherlich niemals damit begonnen hätte, zeichnen lernen zu wollen.
In diese optisch so üppigen Welten durfte ich ungestraft abtauchen und ausleihen, was ich nur konnte - ich ging immer mit dem Maximum an möglichen Ausleihen nach Hause, einmal die Woche. Und viele dieser Serien begleiten mich auch heute noch, da sie einfach zeitlos sind, da das Handwerk ihrer Zeichner nach wie vor für mich weit vor allen amerikanischen Produkten steht und auch vom gegen Ende der 90er im großen Stil nach Deutschland schwappenden Mangakult nicht beeinflusst wurde.

04. Star Trek
Jahrelang gab es für mich freitagnachmittags nur eine echte Unternehmung: Raumschiff Enterprise - Das nächste Jahrhundert gucken. Jede Folge war für mich voller Wunder, sprengte den engen Rahmen des Landlebens mit all den Kühen, güllegetränkten Feldern und engen geistigen Horizonten so vieler meiner Nachbarn. Ich litt und fieberte mit meinen Helden aus Captain Picards Crew, beamte mich viel später nach Deep Space Nine und ging mit der Voyager weit entfernt von zuhause verloren. Star Trek machte mich nicht zum Trekkie, sondern zu einer Liebhaberin ferner Welten, die sich in SciFi-Universen immer noch ein bisschen mehr zuhause fühlt als in Fantasy-Universen, was dann, einige Jahre nach dem Abitur, mit Star Wars richtig übel wurde. Heute sind mir die Grenzen der Star-Trek-Welt zu eng geworden, die früheren Serien zu brav, zu bieder, mit den neuesten Filmen kann ich nicht mehr wirklich viel anfangen. Aber da liegen ganz klar meine Wurzeln. Danke, Gene Roddenberry!

Grenzenloses Universum - Star Trek entführt in die Weiten des Weltraums

05. Rollenspiel
Als meine beste Freundin mit der Idee kam, man könnte ja mal die Startkiste für 'Das Schwarze Auge' gemeinsam kaufen, haben wir zu dritt zusammengelegt und einen der beiden Spielwarenläden der einzigen größeren Stadt in der Nähe aufgesucht. Die Blicke der Verkäuferinnen - Rollenspiel? Das ist doch nur was für Satanisten! - waren abschreckend, aber unsere Neugierde war größer. Und kaum nachdem diese Startbox nach Hause getragen worden war, begannen die Abenteuer. 
Ich war fasziniert von dem Gedanken, einen Charakter, den ich mir selbst ausgewählt hatte, eigene Abenteuer mit anderen gemeinsam erleben zu lassen - zuvor hatte ich zwar eigene kleine Comic-Stories gezeichnet und geschrieben oder für mich mit Lego-Figuren gespielt, aber in einer Gruppe ist das gleich eine ganz andere Sache. Diese Liebe zum Rollenspiel ist geblieben, nun schon gute zwanzig Jahre lang - sonst gäbe es auch diesen Blog nicht. ;)

06. Schwarz-Weiß-Film
Wenn man nur drei oder vier Fernsehprogramme hat, dann ist die Auswahl an Filmen naturgemäß etwas beschränkt. Aber glücklicherweise waren die süddeutschen Dritten Fans von den Miss-Marple-Filmen mit Margaret Rutherford, ließen die Don-Camillo-Filme rauf und runter laufen und garnierten das dann noch mit den uralten Hercule-Poirot-Filmen. Und wenn es dann ein guter Tag war, konnte man auch Heinz Rühmann als Pater Brown genießen - Filme, die ich heutzutage auf DVD im Regal habe, um sie immer dann anzuschauen, wenn ich Lust darauf habe. Das nostalgische 'wie damals' Gefühl ist natürlich immer noch mit dabei.

07. Der Radiosender SDR3
Sobald ich zuhause war, lief das Radio. Die Mischung aus guten Sprüchen, aktueller Musik, spaßigen Hörspielen wie 'Philip Maloney' und launigen Moderatoren war einfach mein Ding. Die Menge an vom Radio aus aufgenommenen Musikkassetten kann ich heute gar nicht mehr zählen, und bei der Zusammenstellung meiner eigenen Musik war SDR3 eine echte Hilfe. Als der SDR dann mit dem SWF zum SWR fusioniert wurde, endete die Ära für mich recht abrupt - irgendwie war es danach nicht mehr dasselbe und da im Studentenwohnheim der Radioempfang mehr als bescheiden war, verlor sich diese Obsession irgendwie recht schnell.

Portree auf der Isle of Skye - in Natura noch schöner als auf dem Foto | Quelle: Wikimedia
08. Raus aus dem Dorf
Manchmal können die Grenzen einer Umgebung sehr eng sein. Meine bestanden daraus, auch in der 13. Klasse noch die Jüngste und deswegen ohne Führerschein zu sein (meinen 18. Geburtstag habe ich erst zu Beginn meiner Studienzeit alleine in der neuen Stadt feiern können). Ohne Internet, mit dem teuren Festnetz-Telefon und Bussen, die abends nach 18 Uhr und Samstags nach 14 Uhr nicht mehr fuhren, 12 Kilometer von der einzigen, größeren Stadt entfernt, mitten auf dem bergigen Land, umgeben von Wald und Feldern. Ja klar, man lebt naturnah, man kann viel 'raus, und verschmutzte städtische Umgebungen sind in einer solchen Gegend Mangelware.
All die anderen Dinge wie Tanzstunde, Karatekurse, einfacher Zugang zum Ausgehen und Videotheken aber auch. Also habe ich wirklich jede Gelegenheit genutzt, von zuhause mal wegzukommen - sei es per Zug nach Stuttgart oder mit dem Bus zu den umliegenden Orten, wofür wir dank Bus-Monatskarte nichtmal groß was zahlen mussten.
Meine größten "Ausreißer" von zuhause waren ein Trekking-Urlaub in Schottland mit meinem damaligen Freund und meiner besten Freundin, wofür ich noch eine Reiseerlaubnis meiner Eltern mitführen musste, da ich da noch minderjährig war; ebenso ein Schüleraustausch nach Frankreich. Nach dem Abitur war ich vielleicht noch zehn Mal in der 'alten Heimat' - und nein, ich vermisse ihre engen Grenzen noch immer nicht.

09. Dicke Fantasywälzer
Ich habe vorhin bei den Comics die tolle Stadtbücherei erwähnt, die Mut zum Besonderen hatte - nunja, bei ihrer Fantasy-Buchabteilung hatten sie den glücklicherweise auch. Gerade Tad Williams' Osten-Ard-Zyklus hat bei mir wie eine Bombe eingeschlagen und ich habe mich an diesen Büchern wirklich wochenlang mit Begeisterung in eine fremde Welt gelesen. 
Ebenso die Bücher von MZB aus ihrem Darkover-Zyklus oder Wolfgang Hohlbeins "Enwor"-Reihe. Dann kamen 'Die Nebel von Avalon' auf und vieles mehr - alles Autoren und Werke, die ich vermutlich ohne die geschickten Programmentscheidungen dieser Bücherei nie kennen gelernt und damit auch nicht lieben gelernt hätte. Wenn noch Platz in meinem Schulranzen neben den vielen Comics war, wurden dicke Bücher dazugequetscht. Nicht nur einmal habe ich damals bereut, dass man nur fünf Medien auf einmal ausleihen durfte! Seltsamerweise hat 'Herr der Ringe" bei mir nie derartig gezündet, obwohl ich es damals in den Händen hielt und auch ausgeliehen hatte. Aber über den Wald von Lothlorien bin ich dank Tolkiens extrem detailverliebten Schilderungen nie herausgekommen.

10. Lego
Die vielen bunten Steine waren für mich eine Offenbarung - denn man konnte aus ihnen machen, was man nur wollte. Die Teile der 'Schwarzen Drachenburg' passten beispielsweise prima in einen Passagierjet, weil sie kleine 'Bullaugen' als Fenster hatten. Aber auch so gab es für mich und meine Unmenge an Lego kaum eine echte Grenze, es wurde einfach gebaut, was das Zeug hielt. Lego ist für mich ganz abseits der vielen Marcken-Franchises eines der besten Kinderspielzeuge der Welt, solange man diesen genderisierten Schwachsinn nicht kauft.
Meine Mutter war von Lego allerdings weniger begeistert, trotz des pädagogischen Werts: In ihrem Staubsauger landeten regelmäßig irgendwelche Steinchen, die da nicht hingehörten, von den vielen Gelegenheiten mal gar nicht zu sprechen, in denen ein fieser "Einer" auf dem Boden lag und sich in ihre Fußsohlen schraubte. Ich bereue heute noch, dass ich meine Legosammlung zugunsten meines Schottlandtrips irgendwann verkauft habe - Jahre später kam dann Star-Wars-Lego wieder durch eine Hintertür in mein Leben.

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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4 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Sehr schönes Blog. :)
    Das war jetzt ein richtiger Flashback. Insbesondere bei Lego und Point & Click Adventures musste ich ganz stark an meine eigene Kindheit zurück denken. Achja.. schöne Zeit damals.

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    1. Vielen lieben Dank :) und ja ...ein bisschen golden erscheint mir diese Zeit heute auch, wenngleich ich oft genug damals über die mangelnden Möglichkeiten geflucht habe. Es ist einfach ein riesiger Unterschied zu heute, scheint mir. Die Kids haben so viel mehr Möglichkeiten, aber so viel weniger Ideen.

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  2. Obwohl es Star Trek ja schon viel länger gibt, verbinde ich das auch irgendwie vornehmlich mit den 90ern. Schade, dass es aktuell eher in Richtung 08/15-Hollywood abdriftet.

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    1. Für mich ist meine aktivste "Star Trek" Zeit vorbei .. irgendwie konnte ich mit 'Enterprise' ab einem bestimmten Punkt nicht mehr viel anfangen, und die neueren Filme .. naja. ;) Einfach nicht mehr mein Ding.

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