Interview

RPG-Eigenbau: Der chtulhoide Kartoffelkeller

Jeder, der am Tisch Rollenspiel betreibt, weiss, wie wichtig die Stimmung für das Gelingen einer Runde ist - aber es gibt natürlich in allem eine Königsklasse. Stefans chtulhoider Kartoffelkeller hat mich schon beim ersten Blick auf die Fotos gepackt und den Wunsch geweckt, in dieser genialen, vollkommen im Eigenbau entstandenen Location mal eine zünftige Runde Chtulhu oder etwas anderes passendes zu spielen. 
Freundlicherweise hat er sich bereiterklärt, mir einige Fragen zu seinem chtulhoiden Kartoffelkeller und dem Bau daran zu beantworten - taucht also ein in die faszinierende, selbst geschaffene Spielwelt und vor allem, genießt die Bilder. Ich wünschte, ich könnte diesen Keller kapern! :)


Nerd-Gedanken: Wie kamst Du auf die Idee, den Kartoffelkeller umzugestalten?
Stefan: Wir haben vor ein paar Jahren ein Haus gekauft. Das ist zwar schön alt und schön groß. Aber mit zwei Kindern blieb da trotzdem kein Platz für ungestörte Pen&Paper Runden. Stattdessen zockten wir in der Junggesellenbude eines Mitspielers – sehr improvisiert, bei Festbeleuchtung an zusammengestellten Tischen. 
Das ist eigentlich gar nicht meins. Ich brauch als Spielleiter Atmosphäre: gedimmtes Licht, passende Musik, Soundeffekte, ein paar schöne Handouts auf dem Tisch. So kam überhaupt erstmal der Kartoffelkeller bei uns ins Spiel. 


Nerd-Gedanken: Wie lange dauerte es von der ersten Idee bis zur ersten Spielrunde ?
Stefan: Das ging recht schnell. Ich hab das mit meiner Frau ausgehandelt und zwei Tage später angefangen, den Raum zu entrümpeln. Da stand natürlich jede Menge Zeug drin rum, dass ich erstmal gleichmäßig auf die anderen Kellerräume verteilen musste. Danach haben wir neu verputzt, die dicksten Abflussrohre verkleidet und alles weiß gestrichen – in der Regel abends: Tagsüber spannt mich die Familie und der Job ein.
Nach ca. zwei Monaten war der Keller bespielbar. Ein Freund und Mitspieler ist Schreiner. Der hat uns den ersten Spieltisch gebaut. Danach kamen noch ein bisschen rudimentäre Deko, ein paar Boxen und paar batteriebetriebene LED’s rein. Und dann wurde auch schon angezockt. 

Nerd-Gedanken: Haben andere geholfen, wenn ja, wie viele Leute haben insgesamt mitgearbeitet, wer hat was gemacht?
Stefan: Das ist zu 90 Prozent im Alleingang entstanden. Bis auf den ersten und den aktuellen Tisch und ein paar größere handwerkliche Sachen, bei denen mir Freunde geholfen haben – das liegt übrigens nicht an mangelnder Hilfsbereitschaft. Ich werkel einfach gern allein vor mich hin. 


Nerd-Gedanken: Was sagt Deine Familie/Freunde dazu? Gibt es kritische Stimmen, wenn ja, was haben diese dazu angemerkt?
Stefan: Freunde reagieren fasziniert bis amüsiert. Ist ja schon ein bisschen bescheuert, so ein Projekt. Meine Frau findet‘s cool. Und meine sechsjährige Tochter ist jedes Mal ganz ehrfürchtig, wenn sie da rumkramen und sich die ausgestopften Tiere angucken darf.

Nerd-Gedanken: Wie lange hast Du bisher am Gesamtkonstrukt gearbeitet? Wann hast Du daran gearbeitet?
Stefan: Etwa 14 Monate, im Schnitt vielleicht ein/zwei Abende pro Woche. In Netto-Stunden kann ich das nicht zusammenrechnen.  Die meiste Arbeit steckt in den ganzen Dekorationen: Die hab ich zum größten Teil im letzten Winter gemacht. Abends, gemütlich in der Küche. Ist besser und befriedigender als Serien gucken. Kann ich nur empfehlen.  

Der Kartoffelkeller vor der Umgestaltung
Nerd-Gedanken: Wie reagieren die Mitspieler auf die Atmosphäre des Kellers? Sind die Spielsessions anders geworden durch die Umgebung, wenn ja, was hat sich geändert?
Stefan: Bei mir gab’s schon immer viel Show zum Spiel. Handouts, Musik, Requisiten und solche Dinge. Aber der Raum toppt das nochmal deutlich. Da unten im Keller steigt man völlig aus der echten Welt aus. 
Weil einfach nichts vom Spielgeschehen ablenkt. Nicht mal Tageslicht. Das macht sich auch an der Qualität der Spielrunden bemerkbar. Meine Frau schmeißt sich jedes Mal weg, wenn wir wie die Zombies aus dem Keller ins Licht steigen.  

Der Keller nach der Sanierung - noch fehlen die liebevollen Details
Nerd-Gedanken: Was genau hast du alles am Keller verändert?
Stefan:
Die Bausubstanz selbst blieb relativ unverändert – bis auf ein paar Holzverkleidungen und eine zugemauerte Nische.

Nerd-Gedanken: Wieviel kostet das und was war die teuerste Ergänzung für den Keller, was die günstigste?
Stefan:
Ich habe kein dickes Bankkonto. Deshalb gucke ich schon, dass ich alles so günstig wie möglich realisiere. Insgesamt hat der Raum nicht mehr als 500 Euro gekostet, inklusive komplettem Mobiliar. Die teuerste Anschaffung waren vermutlich die alten Stühle – die hab ich für 60 Euro bei eBay Kleinanzeigen geschossen. Das günstigste Projekt war das Anatomieposter. Das hat 1 Euro bei eBay gekostet und wurde anschließend mit Sperrholz, Rostwasser, Kaffeesatz und ein bisschen Paketschnur gepimpt.  


Nerd-Gedanken: Wo findest/suchst Du die Einrichtungsgegenstände/Deko?
Stefan:
Wie gesagt: Alte Fotos, alte Möbel oder das Holzfass hab ich bei eBay und eBay Kleinanzeigen gefunden. Die restliche Deko ist aus 1-Euro-Läden, von Xenos (Ich liebe Xenos!) oder einfach selbst gebastelt. Die Edel-Requisiten, wie den Bussard oder das ausgestopfte Krokodil, hab ich von Freunden als Dauerleihgabe bekommen.

Nerd-Gedanken: Worauf bist du an den Details am meisten stolz?
Stefan:
Auf meine Bücher. Die hab ich in mühevoller Kleinarbeit auf Alt getrimmt. Und ich finde, die sehen wirklich gut im Regal aus. Und natürlich auf meine neue Tischplatte. Die Bretter sind billiges Fichtenholz aus dem Baumarkt, das wir stundenlang mit der Flex auf alt und verwittert getrimmt haben. Der Rest ist Lasur und ein paar Schichten Mattlack. 


Nerd-Gedanken: Was war am schwierigsten zu beschaffen?
Stefan:
Die passenden Stühle musste ich lange suchen. Ich wollte was Antikes ohne Antikpreise zu bezahlen. Außerdem brauchte ich 6 gleiche Stühle. Mein Glück ist, dass kaum einer solche Sachen sucht. 

Nerd-Gedanken: Fehlt noch etwas, das Du unbedingt gerne haben willst und noch nicht finden konntest?
Stefan: Nö. :)

Nerd-Gedanken: Was wäre Dein größter Wunsch für den Keller, wenn Du unlimitiertes Geld zur Verfügung hättest?
Stefan:
Umziehen! Was man auf den Fotos vermutlich nicht sieht: Der Raum ist sehr klein – ca. 10 qm –  und extrem niedrig – gerade mal 1,90 Deckenhöhe. Es gibt kein Fenster. Dafür zieht Feuchte durch die Außenmauern rein. Da wird die Luft an schwülen Sommertagen auch mal etwas muffig. Wenn ich Geld ohne Ende hätte, würde ich ein kleines Holzhaus in den Garten bauen, in dem ich dann einen neuen Raum einrichten könnte. 


Nerd-Gedanken: Welche Ergänzungen sind für die nächste Zukunft geplant/wird noch weitergebaut?
Stefan:
Ich denke gerade über einen selbstgebauten Spielleiter-Schirm nach. Vielleicht aus Holz, mit modellierten Cthulhu-Tentakeln dran. Außerdem möchte ich die letzten „modernen“ Möbel verbannen und mir so’ne Art Alchemisten-Tisch bauen. 

Nerd-Gedanken: Welchen Tipp/welche Tipps kannst Du jemandem geben, der ein eigenes Projekt dieser Art auf die Beine stellen will?
Stefan:
Machen! Auch wenn man keinen Raum hat. Manchmal spielen wir „oben“ in der Küche. Ich bring‘ dann eine Kiste Requisiten mit hoch. Das macht richtig was aus. Im Übrigen ist das Internet voll mit abgefahrenen Tutorial-Videos. Wie man Glas oder Papier altern lässt. Wie man alte Bücher bastelt. Alles nicht schwer und nicht teuer.  


Nerd-Gedanken: Im Rückblick betrachtet, würdest Du das Projekt noch einmal machen? Wenn ja, würdest Du etwas anders machen und was?
Stefan:
Auf jeden Fall würde ich das nochmal machen. Beim nächsten Mal würde ich allerdings direkt auf eine einheitliche Dekoration setzen. Am Anfang hab ich mir eine Art Wechseldeko vorgestellt, die man passend zum Spiel austauschen kann. Für Taveller oder Shadowrun eher futuristisch. Für DSA oder Cthulhu eher rustikal. Aber das hat viel Arbeit gemacht und sah am Ende nie so richtig gut aus. Also hat mein Lieblings-Rollenspiel gewonnen.

Nerd-Gedanken: Hättest Du Lust auf ein neues Projekt dieser Art, wenn ja, was würdest Du gerne machen und warum?
Stefan:
Im Moment bin ich mit dem Keller noch gut beschäftigt. Außerdem spiele ich ab September eine neue Kampagne. Bis dahin muss ich noch ‘ne Menge Requisiten und Handouts bauen.

Einfach der Wahnsinn, oder? Wenn ihr diesen Kartoffelkeller auch so genial findet wie ich, hinterlasst doch einfach einen Kommentar und/oder teilt den Artikel - ich finde, so viel Arbeit und Begeisterung hat es verdient, bekannt zu werden :)
Vielen Dank an Stefan für die Beantwortung der Fragen und die Bereitstellung der Bilder!

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

Auch auf Facebook, Google+ und Twitter erhältlich!

6 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Wirklich: Sehr sehr cool. Ich beneide jeden, der den Platz hat. Mit unserem Familieneinkommen in einer teuren Großstadt (HH) einfach nicht zu machen. Ich arbeite gedanklich schon eine Weile daran, das Arbeitszimmer so modular zu gestalten, dass da auch eine Spielrunde hinein passen könnte. Die Deckenhöhe ist größer als bei Stefan, die Grundfläche leider nicht...

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    1. Das Schöne an diesem Projekt finde ich, dass er durch Eigenbau sehr viele Kosten sparen konnte (und 500€ lassen sich als pi-mal-Daumen-Peilung sicherlich über eine längere Zeit auch für ein geringeres Einkommen realisieren). Da sehe ich eher das Problem der passenden Räumlichkeit (wir hätten die auch nicht^^)

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  2. Da habe ich jetzt richtig Lust meinen kleinen Keller auszuräumen und so etwas ähnliches zu machen. Das kommt davon wenn man sich solche Beiträge durchliest ^^ Mal schauen......mal schauen....

    [jetzt morgen erst einmal auf die DCC und die anderen Kultisten treffen]

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    1. :D Melde Dich, wenn Dein eigenes Projekt präsentabel ist - in diesem Blog ist immer Platz für coole RP-Locations!

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