Karneval der Rollenspielblogs

Rollenspielgrundsätze - meine Erfahrungen aus 20 Jahren RP


Mit ein paar Jährchen Erfahrung in der Rollenspielwelt blickt man ja ganz gerne mal ein Stück zurück. Und da es gut zum diesmonatigen "Karneval der Rollenspielblogs"-Thema passt, das sich mit "Spielercharaktere weiterentwickeln" befasst, habe ich mal zusammengestellt, welche Grundsätze ich für mein Verhalten über die Jahre als Rollenspieler entwickelt habe.
Vielleicht ist ja auch was für euch dabei, das weiterhelfen könnte? Ein Hinweis noch, bevor es losgeht - die meisten dieser Gedanken haben sich vor allem aus dem Online-Rollenspiel in MMORPGs entwickelt. 
Wenn sich also nicht alles 1:1 am Tisch umsetzen lässt, bitte ich um Nachsicht, aber ich bin mir sicher, der ein oder andere Grundgedanke ist auch für ein face-to-face-RP brauchbar.

Schlaf eine Nacht darüber, bevor Du schwerwiegende Entscheidungen triffst
Vermutlich kennt jeder diese Situation: es gab Krach mit den Mitspielern, irgendwas Blödes ist passiert, das einen innerlich so richtig angekratzt hat, man ist enttäuscht, wütend, vielleicht sogar so bitter, dass man einen Charaktertod, einen Weggang aus einer aktuellen Spielumgebung oder ähnliches erwägt. Aber die meisten drastischen Entscheidungen, die ich aus einer Situation des emotionalen Überschwangs heraus getroffen habe, habe ich hinterher meist bereut. 
Wenn es also einen lange gehegten und geliebten Charakter oder ein Spielumfeld betrifft, in dem ich nicht erst seit gestern unterwegs bin, lohnt es sich, mal brutal auf die Bremse zu treten. Beim Online-RP hat man den großen Vorteil, das Teamspeak oder Discord verlassen zu können, aus dem MMORPG ausloggen zu können, wenn einem alles dermaßen tierisch auf die Nerven geht, dass man nur noch rot sieht.
Lasst euch nicht von euch selbst oder anderen zu Aktionen drängen - die meisten emotionalen Momente flachen wieder ab, wenn man ein paar Stunden Zeit einkehren lässt, und dann kann man viel besser eine Entscheidung treffen. Oder es auch einfach lassen, und so manches lockerer nehmen. Ab und an ist ausloggen wirklich keine schlechte Idee.

So wenig OOC und RL-Themen wie möglich
Egal ob am Tisch oder beim Online-RP, jedes Mal, wenn das Leben ausserhalb des Spiels zur Sprache kommt, wenn jemand Witzchen reißt, über seine neuesten Erlebnisse berichtet, kommen in der Regel alle Spieler aus dem Takt. Entweder man macht dann mit oder man erduldet die Abschweifung - der eigentliche Sinn der gemeinsam verbrachten Zeit tritt jedoch in den Hintergrund. OT-Blasen sind für mich der Tod der Immersion, und so gerne ich ausserhalb des Rollenspiels auch mit meinen Mitspielern über das reale Leben quatsche, während des RPs versuche ich es so gut wie möglich zu vermeiden, um mich in meine Rolle und die Situation fallen zu lassen. 
Am Online-PnP-Tisch haben wir das so gelöst, dass man sich eine halbe Stunde vor Spielbeginn trifft, dann ein bisschen über die Erlebnisse des Tages oder Neuigkeiten quakt, und pünktlich zum eigentlichen Termin geht es dann los - ganz ohne OT-Gelaber, ausser irgendeine Sache im Spiel selbst ist unklar und verlangt nach einer Erklärung durch den Spielleiter. Mir hilft es, mich beim Rollenspiel alleine auf das Spiel selbst zu fokussieren, dann kann auch viel leichter die entsprechende Stimmung aufkommen.

Rollenspiel ist keine One-Man/Woman-Show
Wer kennt sie nicht, die Mitspieler, die erst dann zu voller Form auflaufen, wenn sie einen Pulk Mitspieler um sich haben, in deren Mitte sie ihre Bühne finden und dort ihre Hauptrollenshow abziehen können. Solches Divenverhalten - ich habe das vor einigen Jahren mal thematisiert - ist für einen Abend vielleicht mal ganz nett anzusehen, aber auf Dauer geht der Gedanke eines Miteinanders ziemlich unter. Jeder Spieler, jede Spielerin hat es verdient, dass man seine/ihre Rolle ernst nimmt und ihr/ihm Raum offenbart, um zu glänzen. 
Wenn ich selbst also eine Rolle spiele, die aus einer Masse durch ihre Funktion herausragt - beispielsweise bei Star Wars einen imperialen Offizier in einer Gruppe von einfachen Soldaten - versuche ich immer die Überlegung in mein Handeln einfließen zu lassen, möglichst jeden der Anwesenden ins Rollenspiel zu integrieren. Sei es durch eine konkrete Anweisung oder Gelegenheiten, dass er/sie die Talente des Charakters mit in eine Problemlösung einfließen lassen kann. 
Natürlich könnte ich vieles auch selbst hinkriegen, die Henne im Korb mimen, aber davon hätte nur ich allein was - nichtmal das, wenn man mit dem Gedanken an Rollenspiel herangeht, dass es eine Gruppensache sein soll, und den meisten Spaß macht, wenn alle ihren Spaß haben. Das ist nicht immer leicht, es erfordert auch ein gewisses Maß an Kreativität, aber ich finde, es lohnt sich.

Darf's auch ein bisschen weniger sein?
Mächtige Charaktere sind verlockend. Wer möchte nicht gerne auf jede Herausforderung eine passende Antwort haben, wer möchte nicht mal einen Helden spielen, der bekannt und anerkannt ist, der vieles besitzt, dem sich viele Möglichkeiten eröffnen?
Meine Erfahrung mit solchen Rollen ist bislang aber auch, dass aus 'viel' auch meist 'viele Probleme' und 'viel Verantwortung' erwächst, wenn man die Rolle halbwegs glaubhaft verkörpern will. Ein mächtiger Zauberer hat meist auch ebenso mächtige Feinde, ein reicher Charakter lebt in einer Welt, in der viele andere auch gern reich wären und so weiter. Und: Chars, die wenig haben, wenig können, wenig ad hoc durch ein Fingerschnipsen oder einen Holokomanruf lösen können, die stehen vor ganz anderen Herausforderungen als Helden, die im Grunde alles durch Unterstützer und Untergebene lösen könnten. 
Man wird viel mehr gezwungen, kreativ zu werden, sich auch mal in ein Fahrwasser zu begeben, das einem unbekannt ist, dass sich eine Menge skurriler und spannender Situationen ergeben können - und damit gibt es viel Abwechslung und immer wieder neue Erlebnisse. Inzwischen spiele ich lieber Helden, die eher am unteren Ende der Könnensskala angesiedelt sind, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass ich mit einem solchen Charakter immer etwas Interessantes erleben kann. Und: da ich selbst als Mensch nicht gerade top notch bin, was mein Können angeht, fällt es mir leichter, kreative Ideen zu entwickeln, weil ich mich in diese Situation gut hineinversetzen kann, egal in welcher Welt mein Charakter nun unterwegs ist.

In einer Ecke sitzenbleiben macht blind für Neues
Ja, es ist verlockend, stets nur mit denselben Leuten, dasselbe System, dieselbe Art Charakter zu spielen, denn man begibt sich auf bekanntes Terrain, hat keine wirklich unangenehmen Überraschungen zu erwarten, muss sich nicht mit Unsicherheiten oder schlicht fehlender Erfahrung auseinandersetzen.
Aber gerade für festes, in Gilden organisiertes Rollenspiel im Onlinebereich habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine Umgebung, in der sich kaum etwas ändert, man in einer gemütlichen Filterblase meist ähnlicher Meinungen sitzt, durch mangelnden Input und damit auch mangelnde Impulse von außen irgendwann toxisch werden kann. Das kann so weit gehen, dass man sich selbst und die eigene Spielumgebung in ihrer gefühlten Qualität über alle anderen stellt und gar nicht sieht, dass man beginnt, engstirnig und überheblich zu werden. 
Übertragen betrachtet kann man diesen Gedanken auch auf ein Rollenspielsystem selbst oder eine Rolle, in der man sich besonders wohl fühlt, anwenden - natürlich macht man mit Neuem nicht zwingend positive Erfahrungen. Natürlich fällt man immer wieder auf die Nase, wenn man sich auf Unbekannte und Unbekanntes einlässt. Aber man kann auch viel gewinnen - und das sollte den Blick über den Tellerrand immer wieder wert sein. Selbst wenn es bedeutet, dass man Lehrgeld bezahlen muss.

Und wie geht es euch? Welche Grundsätze habt ihr für euer Rollenspiel gefunden, woran haltet ihr euch, wenn's online oder am Tisch 'zur Sache geht'? Lasst es mich wissen - gerade die Erfahrungen langjähriger Rollenspieler würden mich interessieren!

Über Nerd-Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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2 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Ich hatte nach vielen Jahren Online-Rollenspiels keinen Nerv mehr - das klingt zwar arg negativ und ich will allen, die daran Spaß haben auch die Freude nicht nehmen, aber mein Grundsatz beim Rollenspiel ist seitdem: Nur noch mit Leuten, die ich gut kenne. Da weiß ich einfach, was ich habe. Mit meiner P&P Gruppe erlebe ich die tollsten Abenteuer, während ich mich online am Ende nur noch geärgert habe. Daher wäre der nächste Grundsatz wohl "Investier online nicht zuviel Arbeit rein, es lohnt sich nicht" ... :)

    Trotzdem ein schöner Beitrag! Und deinen Punkten stimme ich soweit auch absolut zu.

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    1. Kann ich durchaus nachvollziehen, dass man irgendwann auch genug vom Verhalten anderer im Online-RP hat - geht mir durchaus in Teilen ähnlich, und meine Lösung sieht auch ähnlich aus wie deine: RP in einer Gemeinschaft, in der man sich kennt, sich vertraut. Und es kann sich lohnen, bisher habe ich die Arbeit, die ich seit nun drei Jahren in eine Online-Gilde stecke, nicht bereut, weil sich daraus wirklich eine Gemeinschaft entwickelt hat. Ohne das .. würde mein Fazit vermutlich ähnlich aussehen wie deines ;)

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