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Der perfekte Moment

Der perfekte Moment: Fragmente


Es wäre so leicht, den Helm zu schließen und alle anderen auszuschließen, die mit ihr auf diesem Schiff waren. Die Nervosität war greifbar. Dieser Einsatz war anders als die bisherigen, zumindest für Lieutenant Lienas van Arden. Die Soldaten wussten genau, dass es nun zu Ende gehen musste. Dass die Chancen schlecht standen, dass es ein Himmelfahrtskommando war. Und Lienas war sich ziemlich sicher, dass dieses Mal das Glück nicht auf ihrer Seite sein würde. Sie hatten drei Mal unter widrigen Umständen überlebt, sich retten können, ohne dass es eine größere Katastrophe gegeben hätte - ein viertes Mal erschien ihr mehr als unwahrscheinlich. 
Sie ließ ihren Blick über die anderen Anwesenden schweifen, wohlvertraute Gesichter inzwischen. Längst musste sie im Funk keine Codenamen mehr hören, denn sie erkannte die meisten von ihnen am Klang ihrer Stimmen. Hörte, ab wann sich Furcht in diesen Klang mischte, ab wann es beginnende Panik war. 
Auf solche Momente war sie vorbereitet worden, schon vor langer Zeit. In einem solchen Moment musste ein Offizier entschieden vorgehen, den Untergebenen ein Bollwerk sein, ein Vorbild - in einem solchen Moment durfte man als Offizier keine Angst zeigen, nur Ruhe. Ob es ihr beim letzten Einsatz ausreichend gelungen war? Sie hatten es ihr nicht gesagt, überhaupt war über diesen Einsatz auf Dromund Kaas nicht viel gesprochen worden.

Langsam ging sie ins Cockpit ihrer X-70 Phantom und nickte dem Piloten zu. Sie kannten sich schon lange, und sie vertraute ihm blind - Flight Officer Turin San war ein intelligenter, verschwiegener Mann, den sie vom Geheimdienst mitgebracht und auf die 'Arch of Tears' importiert hatte. Selbst hatte sie das Fliegen nie gelernt, es war für ihre Missionen nie notwendig gewesen - und in den letzten Wochen hatte sie trotz des ausdrücklichen Wunsches von Lord Tragos keine Zeit gefunden, mehr als die Theorie zu beginnen. 
Schweigend ließ sie sich auf den Copilotensitz gleiten, der bei einem solchen Flug nie besetzt wurde. Ihr Blick verlor sich in der unendlichen Weite des Weltalls, hielt sich immer mal wieder an einem fernen Stern fest, dessen Namen sie nicht kannte - in Gedanken war sie auf der Star of Vengeance, dem Schiff des glücklosen Admiral Ashcroft.
Der durchgedrehten Killer-KI war es gelungen, sich auf dem Kampfschiff einzunisten und hatte es übernommen, der Admiral hatte nur mit Mühe sein Leben retten können und war nach Jaguada gekommen, um die dort stationierten Truppen zu einem Einsatz abzurufen. Zu einem mehr als beschissenen Einsatz, wenn man es ehrlich sagte. Lienas war ehrlich zu sich selbst, auch in dieser Sache. Die Chancen standen ziemlich schlecht. Und doch mussten sie es schaffen, sich auf das Schiff zu begeben und die KI ausser Gefecht setzen.

War sie schon bereit, loszulassen? Es gehörte zu ihrer Routine vor harten Einsätzen, zuerst die Briefe zu aktualisieren, die sie für ihre Familie und für die anderen Menschen, an denen ihr lag, bereit hielt.
Seit sich Colonel Sordan vor dem vorletzten Einsatz bereit erklärt hatte, ihre Briefe im Fall ihres Todes denjenigen zukommen zu lassen, für die sie bestimmt waren, war es leichter geworden. Der Blick des altgedienten Militärs hatte Bände gesprochen, als sie ihm die neueste Ausgabe ihrer Abschiedsbriefe überbracht hatte. Aber auch dieses Mal hatte er diese kommentarlos entgegen genommen und ihr einen erfolgreichen Einsatz gewünscht. 
Mehr gab es nicht zu sagen, mehr würde es nie zu sagen geben. Er kannte die bisherigen Missionsberichte und wusste, was dem Team bevorstand. Die Chancen wurden nicht besser dadurch, dass man klagte oder sich darüber aufregte, dass man sich einem Feind stellen musste, der alle Trümpfe in seiner Hand hielt. Den Moment der Wut hatte sie längst hinter sich gebracht. Eiskalte, glühende Wut, die sie meistens damit bewältigte, dass sie so lange lief oder trainierte, bis ihr die Beine und Arme zitterten und die Energie verpufft war. 
Dieses Mal hatte ein Action-Militärfilm den Dienst getan, den sie gemeinsam mit dem wohl ungewöhnlichsten Kandidaten für einen solchen Fall angesehen hatte.Gewaltige Explosionen und die heroischen Taten der fiktiven Soldaten auf dem Bildschirm hatten jedes tiefgreifendere Gespräch wirkungsvoll verhindert, und es war auch nicht nötig gewesen zu sprechen. Es hatte ausgereicht, dass sie verstanden worden war. Keine Raketen fangen diesmal.

Dann war der Moment der Angst gekommen, und auch dieser war vorübergedriftet, bestens verborgen in ihrem Inneren, abgelenkt durch ruhige Worte und einige geteilte Sandwiches, dazu hemmungsloses Vergessen. Und keine Fragen. Diese Art Fragen waren auch dieses Mal nicht gestellt worden, und sie hätte sie auch nicht beantworten können. Eine Nacht war vorübergehuscht, und als sie am Morgen vor dem Einsatz aufgestanden war, hatte sie es mit ruhigem Herzen tun können. Frei von Angst, frei von Bedauern. 
Denn sie hatte gelebt, sie hatte ihr ganzes Leben lang so gut wie alles kosten dürfen, was sie hatte kosten wollen. Sicher, es mochte einige Dinge geben, die sie bedauerte, die nicht so hatten sein können, wie sie es sich gewünscht hätte. Und es gab Fehler, einige gravierende Fehler, deren Folgen sie immer begleiten würden - wie so mancher Infanterist scherzhaft sagte, gab es eben keinen Frontalangriff ohne Kollateralschäden. Aber sie hatte gelebt.

Während sie hinter sich die Fragmente einer Unterhaltung zwischen Limsharn und Blex hörte - beide klangen nach wie vor genau so unbegeistert wie schon bei der Einsatzbesprechung - atmete sie tief durch. Die Deckpläne der Star of Vengeance waren ihr vertraut, die Ziele ebenso. Sie hatten sich bestmöglich vorbereitet, der KI einen Schlag zu versetzen, und sie idealerweise auszuschalten.
Ein Programm wie dieses durfte nicht überleben - auch wenn der Gedanke seltsam war, ihm eine Art von Leben zuzugedenken. Ein Programm konnte nicht leben, es dachte nicht, es berechnete. Es hatte keine persönlichen Motive, konnte keinen Hass entwickeln oder Liebe. Es verabscheute nicht. Es war und blieb einfach so effizient wie möglich, und diese Effizienz hatte ihnen schon so manche unangenehme Überraschung beschert.
Und es hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack. Die KI simulierte maximale Effizienz, eine Eigenschaft, der sich die meisten Imperialen auf die Fahnen geschrieben hatten. Wenn so maximale Effizienz aussah, dieses bedenkenlose Ausschalten von Leben im rauhen Dutzend, dann konnte man diese nur mit einem wirklich eisigen Herzen anstreben. Effizienz war wichtig, aber nicht um jeden Preis. Lienas blinzelte, erinnerte sich.

Kühle, frisch schmeckende Gebirgsluft, der kleine Wander- und Kletterausflug mit PFC Jiros nach dem Erbfolgeerhebungsabend.  Die Luft auf Alderaan schmeckte ungleich würziger als anderswo. Sie hatten das Land der Elentaars angesehen, einige moderate Felsen bezwungen und geredet - über das letzte halbe Jahr, seine Ausbildung. Über das, was er in seiner Zukunft noch machen konnte, was noch zu lernen vor ihm lag. Er hatte sich wirklich gut entwickelt, auch wenn er manchmal noch zu viel auf einmal wollte. Zu sehr von sich selbst überzeugt war, wenn er vorsichtiger sein müsste. Aber das würde ihn die Erfahrung noch lehren. Ja, sie war stolz darauf, wie er sich bislang entwickelt hatte, auf seine Leichtigkeit, seinen sich entwickelnden Instinkt - aber sie würde es ihm nicht zu viel zeigen. Noch mehr Eitelkeit würde ihm wirklich nicht guttun.
Und es hatte gut getan, mal wieder rauszukommen, ein kurzes Durchatmen in einem straffen Terminkalender, der eine Menge Aufgaben bereit hielt. Seltsamerweise hatte sie die verdammten Alderaaner verstehen können, die sich so sehr an ihr Land klammerten. Die keinen Zoll davon preisgeben wollten. Es war rauh und schön und wild, ein seltsames Gefühl von Vertrautheit. Der Gedanke, dass Olvan dieses noch in so vielem ungezähmte Land vielleicht irgendwann besitzen würde, war seltsam schön gewesen.

Dagegen der Gestank von Nar Shaddaa. Blinkende, überbordende Reklame, und ein stilles Hotelzimmer, in dem man nicht nach Namen oder Herkunft gefragt wurde. Das letzte Treffen war fast ein Jahr her, und im Grunde hatte er sich kaum verändert - die Zeit schien bei ihrem ältesten Kontakt still zu stehen. Sicher, ein paar kleine Fältchen gab es. Seine Gesichtszüge waren über die Jahre hinweg klarer definiert worden, er hatte ein wenig an Masse zugelegt. Aber das Lächeln war dasselbe geblieben, der freundliche Ausdruck der Augen. Seine fürsorgliche Art.
Eigentlich hätte sie ihn hassen sollen, weil er zur feindlichen Fraktion zählte, weil auch sein Alltag aus Krieg bestand. Aber seit jenen Tagen unter den Trümmern war dieser Teil einfach ausgeschaltet. Sieben Jahre waren seitdem vergangen, und ihre Wege hatten sich immer wieder gekreuzt. Dieses Mal hatte sie ihn um Hilfe gebeten. Wenn einer herausfinden konnte, ob und wo Arric in Gefangenschaft war, dann war er es. Er hatte die nötigen Freigaben, und er verstand, warum sie suchte. Kein Hinterfragen, keine Erklärungen. Wieder Verständnis und Stille.
Es war illegal, und allein diese Stunden in einem namenlosen Hotelzimmer verstießen schon gegen ein Dutzend Vorschriften auf beiden Seiten. Wenn man es genau betrachtete, war es Verrat. Und doch hätte sie nicht anders handeln können. Es ging um ihren Bruder. Um ein bisschen verbliebene Menschlichkeit im unmenschlichen Alltag des Krieges. Um tiefe Verbundenheit, die nicht nach Fraktionen fragte. Zwei Leben in einer unendlichen Menge, die sich durch Zufall einst berührt hatten. Ein unverhofftes Geschenk, das sie zu schätzen gelernt hatte.

Der Lebensfestabend auf dem Stützpunkt war ein absoluter Kontrast zur kühlen Nüchternheit des Einsatzes gewesen. Blinkende Holobäume, mit roten und grünen Kugeln geschmückte Wände und Lampen. Lieutenant Hawkwood hatte sogar Holoschnee projizieren lassen, ein dermaßen überkitschtes Gesamtbild, das Lienas im Grunde innerlich schon beim Betreten des Raumes hatte flüchten wollen. Ihr Geschenk für PFC Saspirinowitsch, der ihr zugelost worden war, einfach auf den Tisch werfen und sich dann mit dienstlichen Pflichten verabschieden.
Es war eben genau die Art gezwungener Fröhlichkeit, mit der sie nichts anfangen konnte. Weil sie Hunger gehabt hatte, war sie geblieben, und der Abend war dann doch ganz nett geworden. Die selbst gekochten Speisen der anderen hatten sich als erfreulich essbar erwiesen, auch wenn für die meisten der knackig scharf gewürzte Flatterwedler von Staff Sergeant Limsharn wohl zuviel des Guten gewesen war. Lienas' alderaanischer Apfelkuchen hingegen war zu einer Vollkatastrophe geworden.
Was bei Elira einige Tage zuvor so leicht und fluffig ausgesehen hatte, war in so unglaublich vielen Variationen schief gegangen, dass sie es nicht mehr zählen konnte. Fürs Backen und Kochen war bei ihr wohl einfach keinerlei Talent vorhanden. Selbst die Teigfertigmischung, ihr Plan B, war ihr angebrannt. Zumindest hatten die Äpfel auf dem Kuchen ganz gut geschmeckt ...

Das Geschenk von Lieutenant Hawkwood lagerte noch immer in einer Schublade von Lienas' Schreibtisch. Ein Holofilm über einen Mann, der seine Credits als Stripper verdiente und schließlich dem ruhmreichen Weg als imperialer Soldat einschlug, mit vielen halbnackten Männern, Schweiß und Uniformen. Vermutlich würde sie ihn gemeinsam mit anderen weiblichen Soldaten anschauen - wenn sie alle diesen Tag überlebten. Eine giggelnde Weiberrunde, die sich an nackten, knackigen Hintern erfreuen würde - in sofern war es ein perfektes Geschenk gewesen. Auch der Muffin mit Whiskygeschmack hatte sehr gut geschmeckt, wie so ziemlich alles, was Lieutenant Hawkwood backte. Dafür hatte die mollige Verwaltungsoffizierin wirklich eine große Begabung.
Ein klein bisschen heile Welt. Hawkwood wirkte immer, als gäbe es keinen Krieg. Keine blutigen Kämpfe, keine Verletzungen. Als könnte nichts Schlimmes passieren. Als müsste man keine Angst haben. Sie lächelte immer. Vielleicht war es ein noch größeres Talent, so unschuldig zu bleiben im Angesicht bevorstehender Schlachten. Dennoch beneidete Lienas den Lieutenant nicht darum. Klarheit war ihr lieber. Und die Seelenruhe, die durch Klarheit kam. Ein neues Versprechen hatte sie vor dem Aufbruch gegeben, und eines erhalten. Das machte es um so vieles leichter.
Sie hatte gelebt. Sie wurde respektiert, geschätzt, gemocht, geliebt. Es war im Grunde alles so einfach, so viel Klarheit. Frieden.

"Sir, wir nähern uns den Zielkoordinaten," meldete San und nickte Lienas zu. Seine Stimme klang vollkommen ruhig, wie immer, wenn der Einsatz unmittelbar bevorstand. Sie nickte ihm lächelnd zu und schob sich aus dem Sitz empor, um nach den beiden Captains zu suchen - sie würden den Männern ein letztes Mal Mut zusprechen, wie man es eben als Offizier so tat. Lienas machte es sich leichter.
"Herrschaften, ein wunderbarer Tag, um einer verdammten KI in den Arsch zu treten!"

Über Gloria H. Manderfeld

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