Aloncor Torn

The Good, the Bad and the Jedi: Vertrauen


Durch die Scheibe des Cockpits wirkte der Weltraum unendlich. Vollkommene Schwärze, von Lichtpunkten ferner Sterne durchbrochen, ein samtig-matter Teppich, der abertausende Leben sicher umfing und ihnen einen Platz während ihrer Existenz zuwies. Manche erhoben sich aus diesem sicheren Gefüge zu den Sternen und zogen aus, um Abenteuer zu erleben. Andere kamen nie über den begrenzten Horizont ihrer Heimatwelt hinaus und sehnten sich auch nicht danach.
 
Auch nach all den Jahren war dieser Anblick für Aloncor Torn faszinierend. Sich vorzustellen, wie viele Einzelschicksale auf den Lichtpunkten da draussen warteten, dass jedes Leben die Möglichkeit in sich barg, etwas Großes und Herausragendes zu tun, vielleicht sogar für viele die Realität zu verändern, überforderte seine Vorstellungskraft. Dennoch hatte der Gedanke etwas tröstliches. Diesen Funken Inspiration bei anderen wahrnehmen zu dürfen, vielleicht sogar dabei zu helfen, ihn zu nähren und wachsen zu sehen, war für ihn eines der schönsten Dinge dieser Galaxis. Allzu oft gab es Momente, in denen er andere Lebewesen nicht verstand, trotz aller tieferer Einsicht in deren emotionale Lage. An manchen Tagen wollte er angesichts der Dinge, die sich ereigneten, still verzweifeln.

Der Pilotensitz des zammeligen Frachters war überraschend bequem, auch nach einigen Stunden stillen Verharrens an Ort und Stelle drückte noch nichts an irgendeiner Stelle seines Körpers. Der Jedi in seiner etwas abgerissenen Kleidung bot das perfekte Bild eines Frachterpiloten, der im Moment eine schwierige Zeit durchmachte. Mit einem gewissen Amüsement hatte Aloncor die Unterschiede festgestellt, die sich im Umgang mit dem unbekannten, unwichtigen Mann eingestellt hatten. Plötzlich war bürokratischer Aufwand an den Raumhäfen wirklich ein Problem - während man Jedi-Raumschiffe schon alleine wegen der Wichtigkeit ihrer Missionen meist durchwinkte, musste sich sein neues Ich in erschreckender Vehemenz mit engstirnigen Beamten und sonstigen, sich für wichtig haltenden Personen auseinandersetzen.

Und natürlich mit der Einsamkeit, die seine Suche begleitete. Nach der berückenden Enge von Ska Gora, in der man sogar zu Anfang die Schlafstätte mit anderen hatte teilen müssen, nach diversen Missionen auf dicht bevölkerten Planeten, nach den Kämpfen auf Tython mit den vielen erlöschenden Leben, fühlte sich die Leere des Alls an, als sei er innerlich irgendwie abgestumpft. Dumpfes Fehlen von etwas, dem er ansonsten gerne aus dem Weg ging. Er vermisste die allgegenwärtigen Emotionseindrücke anderer nicht, aber dass sie nicht vorhanden waren, fiel auf.

So blieb Zeit, nachzudenken. Sich auf die Suche einzustimmen, die ihn in diesen Teil der Galaxis geführt hatte, der Spur folgend, die Morwena hinterlassen hatte. Die letzte Mission, auf die er sich gemeinsam mit ihr und den Padawanen Shinzu Saito und Chiara De'Ley begeben hatte, war wieder eine der Sorte gewesen, die den Zweifel an anderen Lebewesen nicht gerade verkleinert hatte. Ebenso an den Motiven der Republik.
Dass man die Jedi zu Brennpunkten rief, an denen lokale Sicherheitskräfte keine Möglichkeiten mehr sahen, war nichts Ungewöhnliches. Dass man sie jedoch mit einer Meldung über angreifende Zakuul-Truppen nach Zutask gelockt und sie dann mit einem abgesperrten Bereich der Hauptstadt konfrontiert hatte, innerhalb dessen eine tödliche Seuche herrschte, hätte ihn deutlich misstrauischer machen müssen, als es geschehen war. Innerhalb der durch eine Kuppel abgeriegelten und streng kontrollierten 'Dead Zone' hatten sie versuchen müssen, von den verzweifelten Infizierten Informationen zu erlangen, was der Grund für all das Elend war.

Menschen waren voller Angst aufeinander losgegangen, die erlöschenden Leben um ihn herum hatte der Jedi irgendwann nicht mehr gezählt, froh darum, dass er seine Atemmaske hatte, welche vor Infektionen schützte. Als die kleine Gruppe endlich erfahren hatte, dass die Seuche auf einem Biowaffen-Experiment der Republik fußte, welches eine neue Wunderwaffe gegen Zakuul darstellen sollte und dann entsetzlich schiefgelaufen schien, war es für die meisten der Infizierten schon fast zu spät gewesen. Die Behörden hatten dichtgemacht und sich geweigert, die vier Infizierten mit mutmaßlichen Informationen über die Seuche, welche die Jedi in der Dead Zone hatten auftreiben können, aus der Quarantänezone herauszulassen.

Erst nach zähem Ringen, der Übergabe des vermuteten Heilmittels und anderer aufgefundener Hintergrund-Infos waren die Behörden bereit gewesen, eine alternative Lösung in Betracht zu ziehen, die nicht bedeutete, dass man von vorn herein das gesamte abgesperrte Gebiet und die Infizierten mit Feuer reinigte.
Dreissig Leben mehr, die man dadurch hatte retten können. Dreissig von etwa vierhundert aufgefundenen, die an der Seuche schließlich doch gestorben waren. War das nun der Krieg, wie man ihn nach den neuen Vorgaben der republikanischen Regierung führen musste? Ohne Rücksicht auf Leben, ohne Mitgefühl für das Leid derjenigen, die sich dieses nicht ausgesucht hatten? Dreißig Leben. Über die dreihundertsiebzig anderen und all jene, die davor gestorben waren, durfte er nicht nachdenken.

Ein Dutzend Fragen mehr, die er sich stellen musste. Die sich sicher auch die anderen stellen würden, vor allem die junge Padawan De'Ley, die mit dem Leid und den vielen Ereignissen nur schwer zurecht gekommen war. Bei Shinzu Saito und Morwena war die größere Erfahrung spürbar gewesen. Es waren schwere Zeiten für junge Padawane, schwere Zeiten für den Jedi-Orden an sich. Im Angesicht von so viel Angst und nackter Panik war es schwer, die Menschlichkeit zu bewahren. Ob seine Worte dort überhaupt jemanden erreicht hatten, wusste er nach wie vor nicht. Die einzige Waffe eines Diplomaten schien in diesen Zeiten seltsam stumpf geworden.

Und doch - hier, inmitten des schwarzen Mantels, welchen die Galaxis über den vielen einzelnen Schicksalen ausbreitete, die aufsteigen, glänzen und erlöschen würden wie die vielen Sterne um ihn herum, saß der Jedi Aloncor Torn in einem ziemlich schraddeligen Frachter und vertraute auf die Macht. Lebewesen konnten fehlgehen, konnten falsche Entscheidungen treffen, konnten grausam und unmenschlich handeln. Nicht aber die Macht. Die Macht war ewig, und sie würde noch vorhanden sein, wenn er selbst lange nicht mehr war. Irgendwann wäre er selbst eines der Leben, das erlöschen würde, früher oder später. Wenn es ihm bis dahin gelang, andere Leben auf eine Weise zu berühren, dass sie eben nicht vergaßen, dass es mehr gab ausser Angst, Schmerz und Hass, wäre es nicht umsonst.
Genausowenig wie seine Suche nach Morwena Aquae, die für jeden halbwegs rational denkenden Menschen vermutlich überstürzt und sinnlos erschien. Und doch wusste er, dass er dies tun musste. Die Gewissheit um diesen Auftrag konnte er nicht in Worte fassen. Es war eine Gewissheit wie bei den Visionen, die er früher einmal erhalten und deren Sinn er erst viel später erfahren hatte. Auf diese Gewissheit hatte er zu vertrauen gelernt.

Soren-Ti setzte sich neben dem in embryonaler Haltung zusammen gerollt liegenden Padawan auf den Boden und legte sanft seine rechte Hand auf die Schulter des schluchzenden Jungen. Für lange Zeit war kein anderes Geräusch zu hören als der zitternde, tränengeschwängerte Atem des Teenagers, der seine Hände in das Vorderteil seiner einfachen Padawantunika gekrampft hatte, unfähig, sich irgendwie zusammen zu reißen. Erst als er schließlich doch verstummte, löste der Nautolaner seine Hand wieder und wartete ab.
Die klare, milde Bergluft Alderaans versprach einen Frieden, den sie auf Coruscant nach der Zerstörung des Jedi-Tempels verloren glauben mussten, irgendwo im Hintergrund zirpte ein Insekt einen einsamen Balztanz, um ein weibliches Exemplar seiner Spezies für sich zu interessieren. Es dauerte lange, bis der junge Mensch sich aufrichtete und Rotz und Tränen in den Ärmel seiner Tunika wischte, um seinem Meister ein etwas weniger verheultes Gesicht zu präsentieren.

"Hört es irgendwann auf, Meister? Irgendwann?" stellte Aloncor die ewig gleiche Frage. Soren-Ti lächelte und nickte langsam. Dass sein Padawan sein eigentliches Machttalent erst entwickeln würde, nachdem er bereits eine ganze Zeitlang mit ihm gereist war, hatte auch der alte Nautolaner nicht erwartet, doch es schreckte ihn nicht. Er sah die Möglichkeiten hinter all den Unsicherheiten und Schmerzen.
"Es wird aufhören, sobald Du gelernt hast, Deinen Geist zu beruhigen, mein Schüler. Vertraue auf die Macht. Sie wird Dir keine Bürde auferlegen, die Du nicht tragen kannst." Aloncor blickte in den strahlend blauen Himmel des Planeten und betrachtete die Berge, folgte dem Flug eines Vogels mit dem Blick. Es war friedlich hier und vor allem still in seinem Kopf, weil in der näheren Umgebung kaum Menschen waren. Erholung, die er nach den Schrecken von Coruscant dringend brauchte.
"Es ist so schwer, Meister," flüsterte der junge Padawan mutlos und ließ die Schultern hängen. "Nicht, wenn Du Dir Orte der Ruhe erschaffst, an die Du Dich zurückziehen kannst, wenn Du spürst, dass es schwer für Dich wird. Denke an einen Ort, an dem Du Ruhe fühlen konntest. Stell ihn Dir vor, mein Schüler, was siehst Du?"

Vertraue auf die Macht. Es hatte lange gedauert, bis er die Worte seines Meisters wirklich verinnerlicht hatte. Nicht nur vom Verstand her begriffen, sondern auch tief empfunden verstanden und nachempfunden. In all den vielen Dingen, in all den schrecklichen Erlebnissen, die er im Lauf der Jahre hinter sich gebracht hatte, war stets ein Funke Hoffnung geborgen gewesen. Dreissig Leben unter knapp vierhundert.
Und eine Padawan, die einst eine Sith gewesen war, irgendwo da draussen. Für einen Moment lang stand die Erinnerung an Tython deutlich vor seinen Augen. Sonnige Wiesen, das leise Rauschen des Windes in den hohen Bäumen, hintergründiges Wasserplätschern von einem nahen Bach, große Felder blauer Blüten im Gras. Ein Lächeln, das wärmer war als die Sonne, gepaart mit einigen spitzen, hintergründigen humorigen Kommentaren. Unwillkürlich musste auch der Jedi lächeln. Als er den Navigationscomputer programmierte und sich das Schiff im Hyperraum verlor, wurde er ein Teil der Milliarden Schicksale dieser Galaxis.
Eines darunter würde er ändern können.

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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2 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Schreibst du das selbst? Find ich wirklich toll geschrieben... hab auch entdeckt, dass es noch andere Folgen gibt... freu mich schon drauf, die auch alle zu lesen :-)

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    1. Ja, das schreibe ich selbst :) das ist die Begleitgeschichte zum Rollenspiel mit meinem Jedi-Ritter bei SWTOR - eben weil man vieles nicht im RP selbst darstellen kann, oder ich auch gern mal Hintergrundwissen loswerde.

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