Gaming

Herr Seehofer, das Problem sind nicht die Gamer


Herr Seehofer, ich tue mich mit der Wahl der richtigen Anrede für Sie schwer. Sehr ehren kann ich Sie aufgrund Ihrer bisherigen politischen Ansichten und in den letzten Jahren offenbarten Positionen nicht, und wertschätzen ebenfalls nicht. Deswegen belasse ich es bei einem wertneutralen "Hallo".
Also:

Hallo, Herr Minister Seehofer!
Im ARD "Bericht aus Berlin" vom 12.10.2019 äußerten Sie sich zum rechtsterroristischen Anschlag in Halle, bezugnehmend auf die Handlungen des Täters, der eine am Kopf befestigte Kamera trug und sein Handeln bei Twitch streamte - ganz im Stil des ebenfalls rechtsterroristischen Christchurch-Attentäters, der am 15. März 2019 51 Menschen bei einem Überfall muslimischer Gebetshäuser tötete und über 50 weitere verletzte. [Quelle: Wikipedia]

Bislang wurde durch Inlands-Presseberichte bekannt, dass der Halle-Attentäter allein handelte, aber seine Kenntnisse über die Benutzung von Waffen einer Ausbildung als Wehrpflichtiger bei der Deutschen Bundeswehr (im Panzergrenadierbatallion 401) erlangte. Seine Waffen bastelte er sich mit einem 3D-Drucker selbst zusammen, galt als Einzelgänger und soll Hartz IV bezogen haben. [Quelle: Spiegel, Focus

Ihrer Ansicht nach haben wir es im Moment auch mit folgender Problemlage zu tun:
"Das Problem ist sehr hoch. Viele von den Tätern oder potentiellen Tätern kommen aus der Gamer-Szene. Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild. Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation - oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag. Und deshalb müssen wir die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen." [Quelle: ARD Hauptstadtstudio, Bericht aus Berlin-Ausschnitt unten:]

Weil ein radikaler Täter mit einer Kopfkamera sein Tun filmte und mit einer Waffe auf Menschen schoss, kommt natürlich der unvermeidliche Shooter-Vergleich wieder auf. In der Gamer-Szene verorten Sie also die Menschen, die aus mir unerfindlichen Gründen sich rechtsextremistisch radikalisieren, sich neben einem 3D-Drucker auch die passenden Materialien anschaffen und einen Plan fassen und ausführen, Unbekannte zu töten, nur weil deren Glaubensbekenntnis nicht zum  eigenen Weltbild passt? Oder zeigen Sie dann demnächst mit dem Finger auf Hartz IV-Empfänger, ehemalige Wehrdienstleistende oder 3D-Drucker-Besitzer?

Auch Extremsportler nutzen Kopf-Kameras, um sich bei ihrem Hobby zu filmen. Influencer begleiten sich und ihren Alltag damit - die haben Sie nichtmal erwähnt. Anscheinend geht es ausschließlich um den Zusammenhang von "Waffe" und "Ego-Perspektive". Es ist übrigens sehr leicht, sich bei Twitch oder YouTube zu registrieren, um dort einen Livestream ins Netz zu stellen - das hat schließlich schon der Christchurch-Attentäter bewiesen. 
Aber irgendwie bleiben stärkere Kontrollen extremistischer Inhalte und Konsequenzen für die Betreiberkonzerne aus, ebenso wie ein öffentlicher Diskurs unserer Politik über Verantwortlichkeiten. Stattdessen dürfen Extremisten auf YouTube schalten und walten und ihre (oftmals braune) Hirnsoße weiterhin auf die Welt und beeinflussbare Mitmenschen ergießen. [Quelle: Gutjahr.biz,  "YouTube, Petrischale für Hasskulturen"]

Zwei Tage vor dem Attentat habe ich das Nürnberger Memorium "Nürnberger Prozesse" besucht, das den nach dem 2. Weltkrieg abgehaltenen, internationalen Mammutprozess gegen ehemalige Nazi-Größen sehr eindringlich und gut recherchiert dokumentiert. Unter anderem waren in der Ausstellung auch Livemitschnitte der Ankläger-Reden, der Zeugenaussagen und schlussendlich auch die letzten Worte der Angeklagten zu hören. Gerade in den letzten Worten so mancher Angeklagter war zu hören, man hätte sich nur gegen die Juden verteidigen müssen, welche Schuld an den Bomben auf Deutschland seien, Schuld am Krieg. 
Man hätte die Juden ausrotten wollen, um das deutsche Volk zu retten. Raten Sie mal, wie kalt mir ums Herz wurde, als ich den Presseberichten die Wortwahl des Attentäters von Halle mitbekam, der sich ganz ähnlich äußerte. Gerade dann, als er versuchte, durch die glücklicherweise verbarrikadierte Tür der Halleschen Synagoge zu brechen, um dort sein geplantes Blutbad anzurichten.

Ich bin seit 25 Jahren aktive "Gamerin". In meinem aktiven Gaming-Umfeld tummeln sich Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen, Supermarkt-Verkäufer, ITler und ITlerinnen, Lehrer und Lehrerinnen verschiedener Schularten, Rathausangestellte, Grafikerinnen, Telekommunikations-Spezialisten, Studentinnen und Studenten, Hausmänner und Hausfrauen und vieles mehr. 
Keiner dieser Menschen ist auch nur ansatzweise extremistisch, auch wenn wir politisch oft genug unterschiedlicher Ansicht sind und darüber auch diskutieren. Mitspieler und Mitspielerinnen, die gemeinsam mit mir bei "Fallout 76" im postapokalyptischen Szenario beim Ghule töten ordentlich die Waffen glühen lassen, sitzen auch gerne mal alleine vor einem Städtebausimulator wie "Cities: Skylines" und erschaffen sich ihre Wunschstadt mit traumhafter Infrastruktur. 

Die Gaming-Szene lässt sich nicht mehr verallgemeinern, Herr Seehofer, denn inzwischen zählen auch all die Leute mit hinein, die auf dem Smartphone mal nebenher "Candy Crush" spielen oder mit Hilfe einer selbstgebastelten Seuche bei "Pandemic" möglichst effizient die Weltbevölkerung um die Ecke bringen. Spieler mit Handheld-Konsolen wie der Nintendo Switch, auf der man sich auch während einer Busfahrt bis zu "Diablo" durch Monsterhorden fräsen oder friedlich mit Garnmännchen Rätsel lösen kann. 

Wenn ein Extremist Menschen töten will, weil es ihm eine verbohrte Weltsicht eingibt, die er sich durch seine Lebensumgebung und/oder im Internet verfügbare Informationen zusammengereimt hat, dann kann irgendeine sonstwie geartete "Gaming-Szene" maximal ein kleiner Teil der Ursache sein, vermutlich sogar gar keiner. Sehr viel wahrscheinlicher die Tatsache, dass dieser Mensch in seinem Leben offenbar keine wertvolleren Inhalte finden konnte. 
Inhalte, die ihn zu einem glücklicheren anstelle eines hassenden Menschen gemacht hätten. Inhalte, die ihm gezeigt hätten, dass nicht irgendeine Menschengruppe sein Problem sind, sondern ihm vielleicht auch Lösungswege an die Hand gegeben hätten, um etwas Positives für sich zu bewirken. Inhalte, bei denen er sich nicht vor einer breiten Öffentlichkeit als Mörder darstellen hätte müssen, unter Nutzung der vorhandenen, einfach zugänglichen Mittel unserer modernen Zeit.

Kehren Sie doch lieber mal ganz gründlich vor der eigenen Tür, Herr Minister! Beispielsweise anstelle Allgemeinplätze rauszuballern vielleicht mal das bislang dem Rechtsterrorismus gegenüber reichlich blinde Auge des Staates öffnen und sinnvolle Gegenmaßnahmen finden sowie ausführen lassen. Deuten Sie abseits der Täter endlich mal nicht dauernd mit dem Finger auf andere als angeblich Schuldige an rechtsextremistischen Gewalttaten, sondern nehmen Sie Ihren Anteil an der aktuellen Misere an und ändern Sie etwas daran! 

Denn das ist es, wie vernünftige Menschen mit Problemen umgehen: Schauen, wie man ein Problem lösen kann, anstelle es so lange klein zu reden, bis es wirklich nicht mehr geht. Und was passiert dann? Wieviele Menschen müssen noch sterben, bis es endlich so weit ist, dass Sie und alle anderen Mitglieder der Regierungskoalition verstehen, dass Rechtsextremismus ein sich ausbreitendes deutsches Problem ist? Dass der Deckmantel des Patriotismus nichts anderes als Geldgier, Hass und Menschenverachtung verschleiert? 

Die Geschichte von vor 70 Jahren zeigt uns, was passiert, wenn man solchem Gedankengut Tür und Tor öffnet. Lernen Sie endlich daraus! Vielleicht würde es helfen, wenn Sie auch mal das Memorium besuchen würden. Immerhin liegt es in Ihrem Heimat-Bundesland Bayern.

Über Gloria H. Manderfeld

4 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Sehr richtig! Ich schliesse mich der Meinung vollumfänglich an. Wenn wir als Personen die, in welchem grade auch immer Computerspiele konsumieren derart über einen Kamm geschoren werden und undifferenziert, gar ungefiltert zu einer Dunkelziffer mutmaßlichen Gefahrenpotentials gemacht werden, wie lange dauert es dann noch bis der Finger auf andere Bevölkerungsgruppen gezeigt wird? Wann sind die Hartz IV Empfänger oder die ehemaligen Soldaten diejenigen die "beobachtet" werden müssen? Oder nur die Schnittmenge aus diesen Bereichen? Herr Seehofer, sie befinden sich auf einer Strasse auf der ein solches Denken nur zu einer Sache führt: Der Kontrolle durch den Staat. Und das ist dann ein Deutschland in dem ich nicht leben möchte.

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  2. Es ist schlimm zu sehen wie nahe amtierende Politiker gedanklich solchen ideologischen Geisterfahrern, wie dem Attentäter von Halle sind. Unwillig die ursächlichen Probleme zu lösen, da die notwendigen Maßnahmen die Renditeerwartungen der Klientel schmälern, sucht man sich anhand beliebiger identifizierbarer Merkmale eine "Randgruppe" und heftet ihr an, die "Wurzel des Übels" zu sein.
    Es wird - wie in jeder faschistoiden Ideologie üblich - eine simple Lösung für ein komplexes Problem präsentiert, welche nahelegt das man ja eigentlich alles richtig macht und das es ausreichend ist, diese oder jene Gruppe zu stigmatisieren um von der eigenen Unfähigkeit bzw. Unwilligkeit das eigentliche Problem anzugehen abzulenken.

    Wenn die Bevölkerung gebannt auf die bösen Gamer, Ausländer, Schwulen, starrt und denen alles zutraut, entgeht ihnen wie die geschätzte "Elite" dieses Landes uns in purem Eigenintersse verrät und verkauft.

    Die Regierungen Kohl, Schröder und Merkel zu denen auch dieser Herr gehört haben alles getan um dem Rechtsextremismus den Boden zu bereiten. Sei es durch konstante Verschlechterung der Lebensbedingungen breiter Teile der Bevölkerung, durch Etablierung menschenverachtender Verwaltungsmechanismen in unseren Sozialsystemen und durch Aussitzen aller echten Probleme auf die das Volk mit den zur Verfügung stehenden Mitteln versuchte aufmerksam zu machen. Ab und an mal ein Reförmchen damit das Wahlstimmvieh einem nicht drauf kommt.

    Was ist das nächste Herr Seehofer? Fernfahrer, weil sie täglich LKWs benutzen und diese ja jederzeit von einem Extremisten in eine Menschenmenge gesteuert werden könnten? Camper? Immerhin besitzen die meisten von ihnen Gasflaschen die sich bei korrekter Anwendung vorzüglich dazu eignen U-Bahn Fahrgäste in Stücke zu reißen. Forstarbeiter? Die haben Kettensägen und Beile mit denen schon so mancher ums Leben gebracht wurde. Mittelalterreenacter? Waffenstarrendes raufwütiges Volk das auch tatsächlich historische Kriegführung übt.

    Die wirklich relevante Gruppe die hier endlich unter sehr strenge Beobachtung gehört zu der gehören SIE Herr Seehofer, und dagegen wehren sie sich ja mit allen Mitteln - siehe Lobbyregister.

    Ständig seiern die Politiker etwas davon man hätte der Politik gefälligst zu vertrauen. Erklären sie mir doch einfach mal wie ich das angesichts derart deutlicher Realitätsverweigerung eben jener Politik tun soll?!

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  3. Ich fürchte in dem Artikel werden genau jene Verallgemeinerungen vorgenommen, die anderen vorgeworfen werden. Schade, ich hatte auf eine differenziertere Betrachtung gehofft.

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    1. Ginge es mir darum, eine allumfassende Betrachtung zu schreiben, würde ich dieser Anmerkung zustimmen. Aber darum ging es nicht - sondern ein Gegengewicht zu bilden zur bei dieser Debatte immer wieder aufkommenden "Killerspiel-Tendenz". Deswegen ist dieser Artikel auch eine persönliche Kolumne und auch als solche gekennzeichnet. ;)

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