Der perfekte Moment

Der perfekte Moment: Monster hier, Monster dort

Nur schemenhaft waren die Umrisse des Ganges zu erkennen, in welchem die Soldaten vorrückten. Wenigsten gab es durch die abgeschlossenen Atmosphären ihrer Kampfausrüstung keine Möglichkeit, das zu riechen, was auf der Station vermutlich in der Luft gelegen hätte, aber der Anblick der verwesten, von unbekannter Seite geradezu ausgesaugten Leichen war ausreichend, um Beklemmung und stillschweigende Furcht hervorzurufen.
Lienas van Arden bedauerte es zum ersten Mal wirklich, auch bei wenig Licht noch ausgesprochen viel sehen zu können, denn ihr blieben im Gegensatz zu den anderen die wirklich grausigen Details schrecklicher Tode nicht erspart. Wo immer sie hinblickte, sah sie den Tod, eine Art Gemetzel, das keinerlei Frieden für die Sterbenden gekannt hatte. Zerstörte Wände, tiefe Kratzer im widerstandsfähigen Metall, aus dem einst diese Station gefügt worden war. Welche Art Bestie konnte sich so tief in Metall schlagen, dass die Kratzer deutlich sichtbar waren, auch für das bloße Auge? Und - war sie noch hier? In der Düsternis, die nur vom roten Blinken von Notlichtern erhellt wurde, von den Helmlampen der Soldaten durchschnitten, lauerte so viel mehr als nur ungenannter Schrecken.

Den Funksprüchen der anderen war anzuhören, dass sie die Atmosphäre auf der Raumstation bedrückte, dass die unerfahrenen Soldaten Angst hatten. Vielleicht nicht durch ihre Worte, sondern durch den Klang der Stimmen. Während Lienas als diensthabender Einsatzkommandant vor Ort das Vorrücken der drei Striketeams per HUD im Auge behielt, verteilten Blex, Kreldo und Limsharn ihre Trupps der Taktik entsprechend. Kreldos Leute ließen sich über einen Aufzugschacht ein Deck weiter hinunter, um dort zu erkunden, dann gellte ein Schrei durch die Finsternis. 
Private Adrens Körper verschwand in dem schmalen Spalt eines Schotts, zappelnd, von einem tentakelartigen Arm umschlungen, ohne dass die Soldaten sie hätten festhalten können. Dunkelheit waberte aus dem Schott, das Gesicht von Sith Xzari verzerrte sich vor Konzentration. "Ich kann hier .. nichts spüren .." Was war hier nur geschehen? Warum meldete sich Kreldo nicht, als Lienas ihren Status abfragte? 


Prächtige Gewänder, von den Damen und Herren des alderaanischen Adels mit Grazie und Eleganz getragen. Glitzernde Goldfäden, üppiges Geschmeide, süsser Duft der vielen Blumenbouquets, die an den Wänden aufgereiht waren, um dem Auge der Gäste und dem überaus wichtigen Anlass zu schmeicheln. So sauber, so vollkommen, so formvollendet gestaltet war alles, was an diesem Tag zu sehen war.
Ganz der Hochzeit angemessen, die zwei Adelsdomänen miteinander vereinen und den Kindern aus dieser Verbindung ein größeres Erbe zugestehen würde. Haus Andayen und Haus Bahal, beide pro-republikanisch, und doch hatte sich niemand gegen die Anwesenheit einer imperialen Offizierin in Galauniform gewehrt. Sicher, sie war durch die Hintertür einer Einladung von Count Valnir Decanter unter die Gäste auf die verschwenderische Feier geschlüpft, aber doch war ein kleiner Teil von ihr sehr neugierig gewesen, ob man ihr aus ihrer offensichtlichen Zugehörigkeit einen Strick drehen würde. 

Es machte ihr insgeheim diebischen Spaß, die abweisenden Blicke zu sehen, selbst die Überraschung des Sith-Lords Shaghaal, der in dieser Gesellschaft als Baronet Regismund Thul auftrat. Sein Gesicht samt Statur hätte sie nach der Zeit auf Jaguada ohne Schwierigkeiten immer wiedererkannt, und hier fehlte seinem Antlitz nur die Verheerung durch die dunkle Seite, die ansonsten offensichtlich war. Selbst Sith-Lords nutzten wohl Schminke, um gewisse Offensichtlichkeiten zu überdecken...
Ein Sitzplatz neben den beiden Garrde-Ladies, natürlich hatte sich Count Decanter dorthin begeben. Wohin auch immer Shanora Garrde schritt, folgte er ihr wie eine Kompassnadel dem Nordpol. Es war schon fast amüsant zu sehen, wie geschickt es die Countess anstellte, genau diesen Effekt hervorzurufen. 

Aber Lienas hatte auch nie daran gezweifelt, dass Shanora Garrde nicht sehr genau wusste, wie sie ihre Umgebung zu manipulieren hatte, um das zu bekommen, was sie wollte. Sie war eine Frau mit Sithausbildung, genau wie ihre Halbschwester Sheysa, und bestimmte Dinge verlor man nicht. Nur seltsam, wie unbeherrscht die beiden sich gaben - eifersüchtiges Getuschel über die Braut und irgend etwas, das der Bräutigam wohl einmal mit Shanora geteilt hatte. 
Kindergeschrei mitten im feierlichen Choral. Würdig auftretende Gäste und welche, die sich langweilten. Und noch mehr großes Gepränge, als zwei junge Menschen Kronen aufgesetzt erhielten, die schon vom verarbeiteten Material her schwer aussahen. Lächeln, und noch mehr Lächeln. Zerrupfte Seidentaschentücher. Count Decanters halb amüsierte, halb neckende Versuche, galant zu sein, und ein Kompliment, das an Frechheit kaum zu überbieten war. Ein Wirbel aus Farben und Tänzern und Geplauder...

Sie stürmten den Gang entlang, Limsharn an seiner Seite, nachdem sie den Schacht hinunter geklettert waren, sein Trupp kurz dahinter. Noch mehr Leichen auf dem Weg dorthin, noch mehr Ahnung von grauenvollen Toden, die von ausgepressten Lippen nicht mehr dringen nach aussen dringen konnten. Kreldo noch immer im Kampf, aber strauchelnd, der Kampfdroide ausgeschaltet, Obyr im Rückzug. Dann endlich ein klarer Blick auf das, was vor ihnen stand:
mehr als drei Meter hoch, ein Konstrukt aus waberndem verfaulendem Fleisch, an manchen Stellen nekrotisch, an anderen glänzend vor heraussiffender Nässe, von Resten der Durastahlwandplatten und dunklerem Metall durchzogen. Ein Koloss, der auf den ersten Blick nur nach einem aussah - dem leibhaftigen Tod, gepaart mit alles zerstörender Kampfeswut. Wie sollten sie so ein Ding bekämpfen? Dagegen gewinnen? 

Eiskalt griff die Angst nach Lienas' Herz, und ohne die Routine vieler Jahre und vieler ausweglos scheinender Situationen hätte ihre Blase nachgegeben. Ein Atemzug später, dann begann sie zu rennen, das Riesending zu umrunden. Zielmarker setzen, vielleicht konnten die Bordwaffen der 'Arch of Tears' etwas ausrichten. Laufen, laufen! Schneller sein als das Ding. Limsharn rannte ebenfalls, versuchte es mit einer Granate. Sie hörte Wheests Projektilwaffe bellen, einmal, zweimal, dreimal, während sich die anderen sich zurückzogen, die Angeschlagenen vom Kampfgebiet fortziehend. Nur ein Fehler, ein Fehltritt, dann wäre es vorbei. Kühle Luft, die vom internen System ihres Kampfanzugs in den Helm gepumpt wurde, ihr schneller gewordenes Atmen stützte. Die Meldung von Captain Stryder-Garrde, dass die Waffen abgefeuert worden waren.

Raus hier, nur raus! An dem Ding vorbei, irgendwie, so schnell wie möglich, vielleicht konnten sie schneller rennen, warum zogen sich die anderen nicht schneller zurück? LAUFT ENDLICH, schrie sie innerlich, versuchte den Klauenhieben der verwachsenen Bestie auszuweichen, und auch Limsharn war endlich vorbei. Die Soldaten flüchteten, denn gegen etwas, gegen das kein Blaster half, konnte man nicht gewinnen. Knarzender Funk, zurück zum Aufzugsschacht, sie als Letzte, um sicher zu sein, dass niemand zurückblieb. Klauen schnitten durch die Wände wie durch Butter, dann durch Fleisch. Grellend roter Schmerz, der von ihrem rechten Oberschenkel aus hinauf in ihren Körper zuckte, eine Hand, die ihre packte...

Hände berührten sich, eine elegante Tanzpose einnehmend, bevor Lienas van Arden und Count Valnir Decanter begannen, sich zum Takt entsprechend zu bewegen. Gekonnt führte der Adelige, dessen politische Ausrichtung ihn zum amüsierten Neutralen während der gesamten Veranstaltung machte, die imperiale Offizierin über die Tanzfläche, man konnte sehen und gesehen werden. Die Musik bildete mitsamt der Dekoration ein locker-luftiges Gesamtkonstrukt, die Selbstinszenierung der Häuser Andayen und Bahal verlief makellos. 
Vielleicht mit einigen giftigen Blicken weniger glücklicher Gäste in Richtung des strahlenden Paars begleitet, dazu reichlich mintgrün bekleideter Brautjungfernhintern in der direkten Sichtlinie, garniert mit den bissig-ironischen Kommentaren des Live-Tickers von ANN, das ihr ein eigenes Hashtag zugedacht hatte - ausgerechnet #SEXYLIEUTENANT! Hoffentlich würde ihr Vater das Ganze nie erfahren, das entsprechende Gespräch darüber konnte sie sich schon gut ausmalen. Schließlich nutzte sie die Gelegenheit einer Pause, um mit anderen Gästen zu sprechen, und wurde für den letzten Tanz des Abends - ausgerechnet ein langsamer Schmusesong - von Count Velchun aufgefordert, der sich viele Gedanken um die Zukunft der Heros-Provinz, seines Erbes, machte. 

Jener nördlichen Provinz, die vor Monaten noch unter Darth Arovals Kontrolle gestanden hatte und nun, nach dem Sieg der verbündeten Truppen über ihn, in ein mehrteiliges Protektorat aufgeteilt war, von dem ein Teil auch Haus Elentaar unterstand. Es würde vieles zu bereden geben, wenn sie von der Feier zurückkehrte - und noch mehr Möglichkeiten für die Zukunft. Count Velchun lächelte Lienas freundlich zu, gab seinem Wunsch nach einem erneuten Aufeinandertreffen Ausdruck, ihren Blick dabei suchend, der aus dunkelroten, brennenden Augen tief in ihre Seele eindrang und die Marter ihr Bein entlang hinauf bis ins Herz schießen ließ. 
Keuchend versuchte sie sich loszureißen, dem plötzlich klammernden Griff seiner Hände zu entkommen, die zu Klauen geworden waren, schwarzen, scharfen Klauen, die sich in ihre Seite gruben, das Fleisch aufrissen und das hervorquellende Blut mit einem höhnischen Lachen quittierten, ihren Schmerzensschrei mit alles überwältigender Düsternis erstickten. Lienas wand sichverzeifelt, versuchte dem Griff zu entkommen, ihre nachlassenden Kräfte im fließenden Blut verströmend, während sich der Blick des Monsters in ihren Kopf grub, hungrig, gierig nach neuer Lebensessenz, nach etwas, an dem es sich nähren konnte ...

... und Lienas van Arden erwachte, schweißgebadet, keuchend, die Decke so auf ihrem Körper aufgetürmt, dass der Druck auf ihrer Brust fühlbar war. Es dauerte lange, bis sich der rasende Atem Lienas' beruhigte, sie das kalte Licht neben ihrem Bett ausschalten konnte, um in der Dunkelheit ihres Raumes wieder viel zu viele Details aus ihrer Erinnerung zu sehen. 
Was auch immer auf dieser inzwischen zerstörten Raumstation gewesen war, sie wollte diesem Ding nicht noch einmal begegnen. Alleine schon zu ahnen, dass vielleicht nur die Materie, nicht aber der widerwärtige, zerfressene Geist darin zerstört war, ließ sie auch jetzt, in der sicheren Umgebung ihres Kasernenquartiers auf Dromund Kaas, vor innerer Kälte zittern. Dagegen waren die Monster auf Alderaan, die sich auf einer Hochzeit getummelt hatten, wirklich weitaus harmloserer Natur gewesen.

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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