Film

Rezension: Valerian - Die Stadt der tausend Planeten


Seit der ersten Raumstation im Erdorbit hat sich die Raumfahrt, aber auch die Menschheit weiterentwickelt: im 28. Jahrhundert sind die Menschen Teil einer lebendigen, pulsierenden Galaxis voller faszinierender Spezies, von denen viele auf der gigantischen Raumstation Alpha, welche sich aus der menschlichen Grundkonstruktion rasch weiter entwickelt hatte, eine Botschaft oder einen Lebensraum unterhalten. 
Die föderalen Agenten Valerian und Laureline haben den Auftrag erhalten, als Touristen getarnt auf dem transdimensionalen Markt auf dem Planeten Kyrion das letzte lebende Exemplar einer ganz besonderen Rasse zu beschaffen: ein Transmutator, welcher imstande ist, jeden Gegenstand, den man ihm zu fressen gibt, mehrfach zu vervielfältigen.

Während Major Valerian noch in Gedanken bei einem seltsam eindrücklichen Traum ist, in welchem er den Untergang einer friedfertigen Spezies beobachten musste und gleichzeitig versucht, die Zuneigung seiner Partnerin Sergeant Laureline dauerhaft zu gewinnen, sind auch andere auf der Suche nach dem Transmutator. 
Laureline indes zeigt Valerians Avancen die kalte Schulter, da er sich früher als Frauenheld erwiesen hat, auf dessen Liste sie nicht landen möchte – zudem fordert der Auftrag den ganzen Einsatz der beiden, da die Sache aufgrund eines Defekts von Valerians Dimensionalreisen-Ausrüstung heftig schiefzugehen droht …

Basierend auf der ab 1967 erschienenen SciFi-Comicserie »Valérian et Laureline« von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières hat sich nun endlich ein Regisseur an den unglaublich umfangreichen Stoff getraut, der auch schon früher durch detailreiche, phantasiesprühende Weltenkonstrukte aufgefallen ist: Luc Besson, welcher auch als Drehbuchautor und Produzent des Filmes fungierte und mit »Das Fünfte Element« schon 1997 SciFi-Fans auf der ganzen Welt beschenkt hat.
Angesichts der vielen wenig humanoiden Alienrassen des V&A-Universums war eine frühere Verfilmung schon rein technisch keine Option, ohne die Produktionskosten in schwindelerregende Höhen zu treiben.

Dank der modernen Visual Arts jedoch lassen sich locker virtuelle Realitäten, Unterwasserwelten und bunte Alienvielfalt in Szene setzen, bei der neben Industrial Light & Magic auch mehrere weitere Studios mit an Bord waren, da die Arbeiten so umfangreich ausfielen. Das zeigt sich bereits von Beginn an in so vielen Details, dass man als Zuschauer ab und an einfach nur staunend vor der gebotenen Pracht sitzt und insgeheim hofft, das Bild möge einfrieren, damit man mehr Zeit bekommt, sich alles einmal genauer anzusehen. 

Geschickt wird mit Farben und Farbstimmungen gearbeitet, um die unterschiedlichen Handlungsorte deutlich voneinander abzugrenzen, sodass man in der meist actionbestimmten, rasanten Handlung als Zuschauer nicht den Überblick verliert und zudem immer wieder durch neue Eindrücke gereizt wird, sich somit nicht »satt sehen« kann.
Hier lohnt sich jeder Euro, den man an der Kinokasse für die 3D-Version des Filmes ausgeben muss, doppelt und dreifach: wer noch mit sich ringt, ob er diesen Film lieber zuhause am TV ansehen möchte, oder doch ins Kino geht, dem kann ich nur letzteres entschieden ans Herz legen, da man damit in der vollen Packung an visueller Opulenz schwelgen darf.


Als alter »Valérian et Laureline«-Fan bin ich mit der Umsetzung des aus den Comics bekannten Universum mehr als zufrieden, da auch auf die Eigenart alltäglich gebrauchter Biotechnik und faszinierender Gadgets eingegangen wird. Besonders die Shinguz haben es mir dabei angetan, kleingewachsene, geflügelte Wesen mit Ameisenbärenähnlichen Schnauzen, welche sich durch Informationshandel und einen sehr humorigen Geschäftssinn auszeichnen – herrlich animiert und vor allem glaubhaft umgesetzt! Auch Rihanna überzeugt als Gestaltwandlerwesen Bubble, welches zur aberwitzigen Handlung noch einen guten Tacken Humor und Künstlerisches hinzufügt.

In all der Pracht und der schönen Welt darf natürlich auch nicht die Handlung vergessen werden, welche eine mehr als generische Story abspult: was zunächst wie ein recht eindimensionaler Auftrag aussieht, bei dem die pointiert Sprüche austauschenden Haupthelden ihre Charaktere anlegen und recht bald zeigen, dass der großmäulige Valerian, der eher für die Actionparts und schnellen Entscheidungen des Duos zu taugen scheint, ohne Laurelines Sorgfalt und Hilfe nicht besonders weit kommen würde, entwickelt sich zu einer finsteren Verschwörung eines Fieslings gegen ein indigenes Alienvolk, das ungewollt in einen tödlichen Konflikt mit hineingezogen wurde.


Ab einem gewissen Punkt ist die Lösung des Rätsels für den Zuschauer schon dermaßen absehbar, dass das Rätseln der Beteiligten ein bisschen schmerzhaft ist – ebenso die Schwarz/Weißmalerei der angerissenen Beteiligten, denn natürlich muss es neben dem egoistischen Bösewicht auch strahlende Helden geben, und wer würde sich dafür besser eignen als Valérian und Laureline? Hier hätten sowohl die Welt als auch die Möglichkeiten sicher mehr hergegeben, sodass der Film gerade in Bezug der so wichtigen Story hinter meinen Erwartungen und Hoffnungen zurückbleibt.

Mein stiller Held im galaktischen Chaos war jedoch General Okto Bar, der versucht, gleichermaßen regelkonform wie richtig zu handeln und von dessen passender Entscheidung am Ende erfreulich viel abhängt – so funktionieren Kommandostrukturen und lassen das Agentenduo als glaubhaften Teil eines militärischen Systems erscheinen. Auch zeigt sich, dass so manche brenzlige Situation nicht nur mit Waffen, sondern auch mit einem Akkuschrauber und einem Schraubenzieher bestanden werden muss – was in so vielen anderen Action-SciFi-Filmen ebenso unter den Tisch zu fallen pflegt wie die Notwendigkeit, sich vor dem Start eines Raumflugzeugs im Pilotensitz aus Sicherheitsgründen anzuschnallen.


Dane DeHaan und Cara Delevigne leisten mit ihrer Darstellung des Heldenduos solide Arbeit, man nimmt ihnen die Chemie zwischen Valerian und Laureline ab, ebenso souverän meistern beide sowohl die Action- als auch die Emotionsparts, sodass mir die Entscheidung für beide Schauspieler nachvollziehbar scheint.
Allerdings wirken beide öfter mal wie gerade erwachsen gewordene Youngster in den Rüstungen wesentlich erfahrener Personen – wie ein mit allen Wassern gewaschener Mittdreissiger wirkt DeHaan schlicht nicht, auch die eher kantigen und virilen Gesichtszüge des Comichelden Valérian sucht man im wesentlich weicheren Gesicht DeHaans vergebens.

Größtes Manko bei Laureline ist die absolut falsche Haarfarbe (die Comicheldin hat langes, sehr üppiges rotbraunes Haar), während Delevigne das Wesen und die aufgrund Valérians vieler Eskapaden doch öfter mal schnippische Art Laurelines sehr gut eingefangen hat. Für mich ist Laureline die eigentliche Heldin des Filmes, da ihre energische Art mehrfach den Tag rettet - irgendwie schade, dass auch in der Zukunft der weibliche Charakter mit der "Nebenrolle" und dem niedrigeren Rang abgespeist wird, es ohne sie aber im Grunde nicht geht.
Warum Luc Besson die in der Comicserie zwar unterschwellig und immer wieder am Rande erscheinende Liebesbeziehung der beiden Agenten so weit in den Vordergrund gerückt hat, dass sogar das Thema Heirat mehrfach aufkommt, ist mir schleierhaft – die Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe der beiden hätte auch ohne ein ‚Heirate mich!‘ gut funktionieren können. Aber vielleicht ist das dem allgemeinen Kinogeschmack geschuldet, bei dem es nicht ohne Lovestory zu gehen scheint - wer weiß?


Schade auch, dass aus dem klaren, als Duo bereits im Titel genannten "Valérian et Laureline" beim Film nur noch ein "Valerian" wurde - ohne Laureline wäre auch Valerian nur ein Großmaul, das nicht einmal die Memos vor einem Einsatz liest und ansonsten oft genug in die Irre rennen würde...
Von diesen Punkten abgesehen jedoch zeigt Luc Besson, dass das europäische Kino mit dem amerikanischen locker auf Augenhöhe ist: technisch wie visuell bleiben keine Wünsche offen, und recht schmal ausfallende Grundgeschichten bekommt man auch von Hollywood in erschreckender Regelmäßigkeit serviert, sodass man wohl nicht mehr allzu viel erwarten darf.

Die mehr als zwei Stunden Laufzeit des Filmes sind jedenfalls wie im Flug vergangen, es gab für mich keine Spannungslücken, durch die vielen gut umgesetzten Gestaltungsideen bleibt neben der actionreichen Handlung auch der Eindruck einer Welt zurück, an der man gerade mal an der Oberfläche gekratzt hat und hofft, bald mal wieder eintauchen zu dürfen. Wegen des überzeugenden Gesamteindrucks fällt die Abwertung durch die platte Story auch nicht so deutlich aus, wie man es sich vielleicht vorstellen würde – letztlich zählt für mich, bei einem Film gut unterhalten zu werden.

Fazit: Rasantes, optisch opulentes SciFi-Actionkino mit Storyschwächen. Für SciFans definitiv eine Empfehlung – solide acht von zehn Punkten.

Filmdetails:
Titel: Valerian - Die Stadt der tausend Planeten
Originaltitel: Valerian and the City of a Thousand Planets
Originalsprache: Englisch
Erscheinungsjahr: 2017
Länge: 138 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Darsteller: Dane DeHaan, Cara Delevigne, Clive Owen, Kris Wu, Sam Spruell, Diva Cam, Ethan Hawke, Rihanna

Über Nerd- Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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