Buch

Rezension: Mörderspiel


Eigentlich hat Lilli mit diesem komischen Hobby ihres neuen Freundes Markus nicht viel am Hut. Was soll dieses »LARP« überhaupt genau sein, Verkleiden für Erwachsene? Dennoch lässt sie sich von Markus dazu überreden, eine Wochenend-Con in kleiner Runde zu besuchen, bei der die Spieler in die Rollen von Personen aus den 60er Jahren schlüpfen. 
Als Detektivin Victoria Chester muss sich Lilli nicht nur mit den Gepflogenheiten des für sie ungewohnten Live Action Role Playing auseinander setzen, sondern wird recht bald vom Con-Plot vor ein spannendes Rätsel gestellt, das mit der Geschichte der fiktiven Gastgeber-Familie zu tun hat.

Gemeinsam mit den drei Mitspielern und Mitstreitern sucht Lilli im riesigen Anwesen nach Hinweisen, befragt das Hauspersonal und stößt recht bald auf das verlorene Tagebuch einer Vorfahrin der aktuellen Hausherrin, welches ihr interessante Einblicke gewährt. 
Doch als das geliebte Haustier von Victorias Auftraggeberin tot aufgefunden wird, wird klar, dass neben der erfundenen Spiel-Geschichte ein tatsächliches Geheimnis gibt. Je mehr die neugierigen Spieler herausfinden können, desto näher kommen sie auch der höchst realen Gefahr hinter dem Spiel …

Im Erstlingswerk von Daniela Beck begleiten wir die noch ungeübte Live-Rollenspielerin Lilli samt Freund und zwei weiteren Bekannten in ein Wochenend-Abenteuer, das im Grunde den feuchten Traum aller LARPer darstellen dürfte: sehr kleine Spielergruppe, als Spielort ein geheimnisvolles und zugleich riesiges, altes Anwesen mit einer extrem detailverliebten und settingbegeisterten Spielleitung. 

Von dieser für erfahrene Liverollenspieler eher unrealistischen Grundsituation abgesehen gelingt der Autorin der Kunstgriff, den Leser gleichzeitig in das Setting wie auch das Hobby an sich einzuführen, indem sie mit Lilli eine Nichtrollenspielerin als Haupthandelnde gewählt hat, welche ihre ersten zaghaften Schritte vollzieht und sich nach einer gewissen Zeit recht gut in das Spiel wie auch die gewählte Rolle einfindet.

Dabei folgt der Leser jeweils in eigenen Kapiteln Lillis sowie auch Victorias ErlebnisPerspektive in Form einer Ich-Erzählerin, wobei sich ihr Auftreten als reale wie fiktive Person in der Detektiv-Rolle deutlich unterscheidet. Ein Beispiel: Die Detektivin ist naturgemäß irritiert, dass einer ihrer Victoria persönlich noch unbekannten Mitstreiter Einlass in ihr Zimmer begehrt und reagiert darüber befremdet. 
Im darauf folgenden Kapitel wird die Situation indes dadurch aufgelöst, dass Lilli ihren Freund Markus, der zuvor noch in seiner Rolle war, in ihr Zimmer hineinlässt - damit verlassen beide die Spielebene und kehren in die Realität zurück. So wird den Lesern auch der Unterschied zwischen In-Char- wie auch Off-Char-Handlungen ohne viele Worte durch die Handlungen der Beteiligten nahe gebracht; man braucht kein spezielles Vorwissen, um das Geschehen und die Unterschiede zwischen Spiel und Realität zu begreifen.

Auch beim Verhalten der Mitspieler und deren Rollen gibt es angenehm viele Unterschiede, welche sowohl die realen Personen wie auch die ausgewählten Rollen abwechslungsreich gestaltet und auf mehr Begegnungen während der Erzählung hoffen lassen. Hier wäre es sicherlich auch interessant gewesen, die Handlung aus dem Blickwinkel der Mitstreiter gespiegelt zu bekommen, da wir Lillis Erfahrungshorizont jedoch nicht verlassen, sind alle Bewertungen naturgemäß von ihrem Eindruck der jeweiligen Person bestimmt. 
Die einzige Person, mit welcher ich meine Schwierigkeiten hatte, war Spielleiterin Anna, deren Interesse an der Aufklärung ihrer Familiengeheimnisse zwar verständlich ist, die aber dennoch durch ihren eher passiven Anteil an der Geschichte recht blass bleibt.

Wer sich schnelle spannende Action erhofft, wird bei »Mörderspiel« grundlegend enttäuscht, durch die LARP-Einführung von Lilli nimmt die Geschichte langsam Fahrt auf und wird eher durch emotionale Reaktionen und Rätseleien bestimmt. Für Leser mit Spaß an interessant beschriebenen Settings und Personen jedoch bleibt kein Wunsch offen. 
Wer aufmerksam liest, kann übrigens deutlich früher als Lilli einen entscheidenden Hinweis entdecken – oder sich bei der Aufklärung darüber amüsieren, dass nicht nur die Protagonistin eine lange Leitung hat. Je mehr vom eigentlichen Geheimnis enthüllt wird, desto eher ist man auch auf die Auflösung gespannt, welche geschickt vom ursprünglichen Spiel hinaus in die Realität führt.

Die Erzählung ist kein klassischer »Whodunnit«-Krimi, sondern wird nach und nach sowohl durch neue Hintergrundinformationen wie auch die sich entwickelnde Erkenntnis der Handelnden bestimmt, sodass man immer nahe am Rätselprozess dran bleibt, ohne dass am Ende ein übermächtiger Heldendetektiv alleine die Lösung präsentiert. 
Wie auch bei einem echten LARP-Con wirken alle Beteiligten daran mit, auch das reale Geheimnis aufzudecken und sich auf die gefundenen Details einen Reim zu machen. Für mich gleichzeitig eine gelungene Erklärung zu einem geliebten Hobby und ebenso ein schöner Kniff, um ganz unaufdringlich ein Optimum aufzuzeigen, mit dem alle Spieler Spaß haben können.

Fazit: Abwechslungsreiche Einführung in das Hobby LARP gepaart mit Krimihandlung, die nicht nur für LARP-Fans eine interessante Lektüre darstellt. Acht von zehn möglichen Punkten.

Buchdetails
Titel: Mörderspiel
Autor: Daniela Beck
Buch/Verlagsdaten: Mantikore-Verlag, 6. August 2018, Taschenbuch, 330 Seiten, ISBN-13: 978-3961880546, 13,95€

Das Rezensionsexemplar wurde vom Mantikore-Verlag zur Verfügung gestellt - vielen Dank!

Über Nerd-Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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