Karneval der Rollenspielblogs

Schlüpf' in meine Schuhe - 5 Fragen für frustrierte Spieler und SLs


Im Monat Oktober lautet das Thema des von Clawdeen organisierten "Karnevals der Rollenspielblogs" simpel "Schuhe" - und da ich nicht zu den Menschen gehöre, die sich sonderlich für Fußbekleidung interessieren, ist es mir wirklich schwer gefallen, irgend einen sinnvollen Gedanken zu finden, der dazu irgendwie passen würde. Interessante Ingame-Gegenstände werden schließlich von d6ideas sehr zuverlässig geliefert, mein Schuh-Desinteresse erstreckt sich leider auch aufs Rollenspiel.
Bis der Song "Try walking in my shoes" von Depeche Mode zufälligerweise in einer Playlist lief, die ich neben der Arbeit her runterrattern ließ - denn in diesem Song geht es um das Verständnis den Handlungen eines anderen gegenüber, selbst wenn einem diese unmoralisch und verwerflich vorkommen mögen. Die englische Phrase "try walking in my shoes" bedeutet übersetzt im Grunde soviel wie "versuche dich in meine Lage zu versetzen", also 'zieh dir meine Schuhe an und gehe denselben Weg wie ich, damit du verstehst, wieso ich ihn auf diese Weise beschreite'. 

Genau das ist es, was bei langjährig miteinander spielenden Menschen oftmals fehlt: belegt man selbst nur eine einzige Funktion innerhalb eines RP-Gefüges, fehlt irgendwann das Verständnis für die Problemstellungen und Herausforderungen des Gegenübers. 
Wer lange ausschließlich als Spielleiter unterwegs ist, verliert gerne mal den Blickwinkel des Spielers und ist über Spieleraktionen frustriert, die sich vielleicht hätten vermeiden lassen können. Langjährige Nur-Spieler hingegen sehen oft nicht, was der Spielleiter in ihren Spaß investiert - und aus solchen Grundgedanken heraus entstehen dann Missverständnisse, die Stimmung kippt, eine Gruppe fährt deswegen auch mal an die Wand, obwohl das gar nicht sein müsste. 

Für ein besseres gegenseitiges Verständnis geht es aber auch nicht ohne ein gewisses Maß an Selbstreflektion und ein ehrliches Interesse an Verbesserung und Veränderung, bei dem man anderen mitteilt, was für einen wichtig ist und was einen nervt.
 Die folgenden Fragen sollen euch einige Werkzeuge mit an die Hand geben, mit denen ein Blick auf die Situation der 'anderen Seite' leichter fällt und hoffentlich hilft, ein konstruktives gemeinsames Gespräch anzustoßen - schließlich sind wir alles nur Menschen, die sich mal verrennen können, die auch mal einen anderen aus dem Auge verlieren können, obwohl man doch eigentlich nur zusammen spielen und Spaß haben möchte.*

1. Welche Erwartung hast du an einen Spieleabend/an das Rollenspiel generell?

Die erste Antwort ist hier meist "Rollenspiel" oder "Spaß mit Freunden/anderen", aber ein bisschen weiter gedacht sollten gerade Spieler eine Richtung kennen, die sie sich wünschen. Wenn ihr actionreiche Abenteuer erleben wollt, der SL aber ermittlungslastige Redeplots liefert, können beide Seiten nicht glücklich werden. Wünscht ihr euch für euren Charakter pro Spielabend mindestens eine Aufgabe, die zu den Fähigkeiten des Chars passt, kommt aber nicht dazu, diese anzuwenden, frustriert das natürlich. 
Ebenso wird ein SL enttäuscht, der sich mehr Interaktion zwischen den Spielern wünscht, während diese aber eher darauf konzentriert sind, mit den vom SL gestellten NPCs zu interagieren. Genauso, wenn man sich als SL wünscht, dass die Spieler ihre SC-Aktionen kreativer ausgestalten als 'ich würfle das mal' zu sagen oder zu schreiben.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, seine eigenen Erwartungen einmal genauer zu reflektieren, um dann auch eine Chance zu haben, sie zu äussern und erfüllt zu bekommen. Es bricht niemandem ein Zacken aus der Krone, der seine Wünsche und Bedürfnisse formuliert und darum bittet, dass sie beachtet werden. 
Egal ob Spieler oder Spielleiter, alle haben denselben Anspruch darauf, an einem Rollenspielabend Spaß zu haben, etwas Interessantes zu erleben und in den eigenen Bedürfnissen ernst genommen zu werden. Da man anderen Leuten aber nicht in den Kopf schauen kann, hilft nur, es offen auszusprechen, was man sich wünscht, vielleicht sogar mit einem Beispiel, wie man diesen Wunsch erfüllt bekommen würde. Kommunikation ist hier der wichtigste Aspekt, aber auch ein realistischer Blick darauf, was man selbst braucht, um am gemeinsamen RP Spaß zu haben.

2. Wann hast du das letzte Mal einen Mitspieler/Spielleiter gelobt?

Heutzutage ist das Loben aus der Mode gekommen - klar hört man selbst gerne ein ernst gemeintes Kompliment, jeder Mensch freut sich über positive Bestärkung. Dennoch gibt es in der Praxis nur sehr wenige Menschen, die bewusst versuchen, das Positive am Handeln eines anderen Menschen zu bemerken und lobend zu erwähnen. 
In Rollenspielrunden ist man oftmals viel bereiter, die negativen Handlungsweisen des anderen zu sehen, sich darüber zu ärgern, vielleicht sogar genervt zu sein, wenn das, was einem nicht gefällt, wieder geschieht oder mehr Raum erhält, als man selbst für richtig hält. Dabei fällt dann ganz gerne unter den Tisch, dass die Mitspieler oder der Spielleiter auch positive Seiten haben, Dinge gut machen, dass man in einem stabilen Rollenspielumfeld etwas besitzt, das andere vielleicht gar nicht haben. 

Positive Punkte am Rollenspiel oder dem SL-Stil eines Gegenübers zu finden bedeutet auch, sich bewusst einmal damit auseinanderzusetzen, was der andere tut und zu überlegen, wo Stärken und Können des Anderen verortet sind. Ein Lob und ernst gemeinte Anerkennung helfen, die sozialen Bindungen innerhalb einer Gruppe zu stärken und erhellen schlicht den Tag der gelobten Person. 
Für mich ist ein Spielumfeld, in der sich die Teilnehmer regelmäßig auch mal sagen, was sie gut finden, eine entspanntere Umgebung, bei der man langfristig auch bei Fehlern toleranter umgeht und das Diskussionsklima positiver wird. Fehlermachen ist menschlich, wenn man allerdings nur noch die Fehler anderer sieht, kann der Umgang miteinander nicht wirklich gut verlaufen.

3. Was würdest Du als Spieler/als Spielleiter besser machen?

Man kann seine Mitspieler oder den Spielleiter immer kritisieren, wenn Fehler geschehen oder das Rollenspiel aus irgendeinem Grund keinen Spaß mehr macht. Spätestens, wenn Plots stereotyp sind, ein Mitspieler bevorzugt wird, sich Spieler mehr durch den Plot ziehen lassen als selbst aktiv zu werden oder generell das Frustlevel steigt, solltet ihr aktiv versuchen, die sich für euch ergebenden Probleme anzusprechen. Nur wenn Probleme bekannt sind, hat man auch eine Chance auf Lösung.

Aber auch die anderen Menschen in eurer Rollenspielumgebung haben nicht zwingend sofort eine Idee parat, was man machen könnte, um ein Problem zu lösen. Meist braucht es auch eine Weile, bis man sich als die angesprochene Person mit der Situation arrangiert hat und Ideen entwickeln konnte. Deswegen sollte Kritik immer auch mit einem konstruktiven Lösungsansatz verbunden sein und sich nicht darin erschöpfen, dass man das Gegenüber und das vermeintliche Fehlverhalten kritisiert. 

Es ist leicht 'das ist Scheiße!' zu sagen, aber wenn ihr nicht klar macht, worin das Problem der Situation liegt und nicht vorschlagt, wie man sie lösen könnte, dreht ihr euch im Gespräch schnell im Kreis und das Ganze endet mit verletzten Gefühlen. Konstruktive Kritik erfordert auch, sich mit der Situation rational zu beschäftigen und über die andere Seite nachzudenken anstatt sie anzuklagen.

4. Was hat Dir im RP im letzten halben Jahr den meisten und den wenigsten Spaß gemacht?

Rollenspiel ist ein Hobby, und Hobbys betreibt man in der Regel, um damit in der Freizeit Spaß, Entspannung und Erholung zu finden. Sind diese drei Punkte nicht mehr gegeben, solltet ihr euch Gedanken darüber machen, wo es klemmt und wo Änderungsansätze nötig wären, damit wieder Spaß aufkommt. Auf der anderen Seite ist es auch immer gut zu wissen, an welche herausragenden positiven Momente ihr euch erinnert, um immer wieder in eine solche Situation oder den Umgang mit bestimmten Spielern steuern zu können - wenn irgendein Spielaspekt besonderen Spaß gemacht hat, warum diesen dann nicht öfter versuchen zu bedienen? 

Bei dieser Frage geht es um eine spontane Antwort über die höchste Höhe und die tiefste Tiefe. Fällt euch nicht sofort etwas ein, dann ist natürlich auch etwas Grübeln angebracht, aber idealerweise kommt eure Antwort spontan auf. 
Gerade wenn es um eine Momentaufnahme geht, ist dieser Eindruck oft hilfreicher als stundenlange Analyse, denn ein emotionaler Eindruck ist auch immer mit Intuition verbunden. Eurer Intuition für euch selbst, was euch liegt und was euch nervt - und damit findet ihr auch einfacher einfacher eine Richtung für eine mögliche Änderung oder einen neuen Schwerpunkt im Rollenspiel.

5. Was wünscht Du Dir im Rollenspiel?

Ganz unabhängig von der eingenommenen Funktion - also Spieler oder Spielleiter - gibt es immer irgend etwas, das ihr noch nicht gespielt, noch nicht erlebt, noch nicht probiert habt. Selbst mit über zwanzig Jahren RP-Erfahrung habe ich noch immer Charakterkonzepte, die ich nicht getestet habe, Rollenspielsysteme, die mich zwar interessieren, für die aber Mitspieler, Zeit und Gelegenheit gefehlt haben, Plotideen, die ich noch nicht leiten konnte.
Manchmal sind es gerade unsere unerfüllten Wünsche, die neuen Spaß und neue Impulse mitbringen können, sofern man eine halbwegs konkrete Idee hat. Ist das RP in der Gruppe oder Gilde ein bisschen an die Wand gefahren, kann es helfen, einfach mal einen Abend lang ooc ein Brainstorming zu Wünschen und Vorlieben zu machen, um neue Impulse mitzunehmen - vorausgesetzt, die Beteiligten arbeiten geistig mit und bringen sich entsprechend ein. 

Eine Runde, in der zwei Leute sprechen und der Rest die Zeit absitzt, kann natürlich nicht so erfolgreich neue Möglichkeiten entwickeln wie eine munter diskutierende und sich gegenseitig befeuernde Gruppe. Hier sind alle Beteiligten gleichermaßen gefragt, sich auch von sich aus zu beteiligen und vielleicht auch einige Vorüberlegungen anzustellen, welche der eigenen Wünsche sich für die Gruppe und das gemeinsame RP besonders eignen würde. Im Idealfall bekommt ihr dann nicht nur euren Wunsch erfüllt, sondern auch für alle Beteiligten einen neuen Spielimpuls. 

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So viel zu meinen Fragen - wenn ihr dieser Fragenliste noch eigene Anregungen hinzufügen wollt, schreibt mir gerne einen Kommentar und diskutiert mit. Gerade wenn die Situation innerhalb einer RP-Gruppe schwierig ist, kann es sich sehr lohnen, sich kritisch mit der Lage und Lösungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen - denn zumindest ich selbst schließe mich nicht einer RP-Gruppe an, wenn mir nicht auch am gemeinsamen Spiel und den Leuten was liegt. 

* Fehlende Genderung: Zur Leseerleichterung gendere ich die einzelnen Beteiligtenrollen nicht. In meiner Spielpraxis gibt es sowohl Rollenspielerinnen wie auch Rollenspieler, Spielleiterinnen wie auch Spielleiter.

Über Nerd-Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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