Persönliches

X-Karte - Braucht man die wirklich?


Über die Jahre hinweg haben sich Rollenspielgewohnheiten gewandelt, vieles wird heiß diskutiert, verworfen, neu eingeführt. Seit ich vor einigen Monaten verschiedene Blogpostings zum Thema X-Karte gelesen habe, lässt mich dieses Thema nicht mehr los. Für alle, die nicht wissen, was genau die X-Karte sein soll, eine kurze Erklärung:

Die X-Karte ist beim Tischrollenspiel eine Spielkarte, die mit einem großen X markiert ist. Wird beim Rollenspiel ein Thema angesprochen oder im Spiel behandelt, das einer der Spielerinnen oder einem der Spieler aus welchem Grund auch immer unangenehm ist, tippt diese/dieser einfach mit einem Finger auf die X-Karte, um eine weitere Behandlung des unangenehmen Themas abzubrechen. Der Grundgedanke bei der X-Karte ist, dass Spielerinnen und Spieler damit vor Spielthemen geschützt werden sollen, die ihnen bei einer spaßigen Freizeitbeschäftigung ein schlechtes Gefühl geben könnten. 

Meine erste Reaktion auf die X-Karte war: Braucht man sowas wirklich? In einer Spielumgebung, in der sich die Mitspieler vielleicht schon viele Jahre kennen, kennt man auch die kritischen Themen einigermaßen gut. Beispielsweise würde ich bei jemandem, der im RL eine schmerzhafte Trennung hinter sich hat, als Spielleiterin nicht mit einer NPC-Romanze ankommen und versuchen, das Thema erstmal weiträumig zu vermeiden. 
Ich halte mich selbst für einen einigermaßen empathischen Menschen und pflege mit den Mitspielern auch außerhalb der Runde regen Kontakt, da bekommt man die meisten Knackpunkte früher oder später mit. So verschärft, wie die Diskussion um die X-Karte allerdings in so mancher Kommentarspalte geführt wurde, hielt sich die anfängliche Irritation nicht lange.

Triggerwarnung inclusive?

Bei manchen Kommentaren zur X-Karte, die den zufriedenen Nutzern gutmenschartige Dauertoleranz gegenüber dem noch so kleinsten Trigger unterstellten, stellte ich mir irgendwann die Frage: Was ist denn so schlecht daran, auf eine Mitspielerin oder einen Mitspieler Rücksicht zu nehmen, die oder der irgendwann mal eine schlechte Erfahrung gemacht hat und diese Erfahrung nicht zum Teil einer gemeinsamen Freizeitbetätigung machen möchte? 
Je nachdem, was das für eine Erfahrung war, möchte man vielleicht einfach gar nicht darüber sprechen und gedanklich einen weiten Bogen darum machen, um damit klarzukommen. Letztendlich sind wir alle, wenn wir mal ein paar Lebensjahre auf dem Buckel haben, nicht mehr so frisch und unbeschädigt wie ein gerade aus der Folie geschältes Buch.

Daraus ergab sich für mich die Frage: Wie viel weiß ich eigentlich wirklich über meine Mitspieler? Kenne ich alle Knackpunkte in ihrer jeweiligen Geschichte? Und das kann ich nur verneinen, da ich zwar einige Dinge weiß, aber längst nicht alles. Manche Dinge sind auch für mich überraschend schmerzhaft, wenn sich eine alte Erinnerung plötzlich wieder an die Oberfläche wühlt. 
Würde ich in einem solchen Fall die Spielleiterin oder den Spielleiter direkt ansprechen und darum bitten wollen, das Thema zu vermeiden, es vielleicht sogar erklären müssen? Müsste man vor einem Spielabend solche Themen abklären oder geht es nicht auf eine praktischere Weise? Kann man im voraus überhaupt alle eventuell schwierigen Themen abklären?

Online-Empathie gesucht

Momentan bereite ich eine Star Trek-Adventures-Spielrunde bestehend aus vier mir seit Jahren gut bekannten Mitspielern vor. NPCs, Schiff, Spielszenario, alles von einem alten Trekkie für alte Trekkies, die sich schon sehr auf das Szenario freuen. Wir spielen online über Roll20 ohne Videochat, was für mich auch bedeutet, dass ich meinen Spielern nicht ins Gesicht blicken kann und mir ein wesentliches Mittel fehlt, um ihre Stimmung abzuschätzen. 
Da wir ein intensives Szenario spielen möchten, in dem auch Krieg, Suspense und Gore durchaus Teil sein werden, beschneidet mich das als Spielleiterin in den möglichen Feedback-Optionen der Spieler merklich.

Natürlich kann ich immer nachhaken, wenn ich das Gefühl bekomme, dass einer meiner Spieler an irgendeinem Kloß im Hals würgt. Aber wäre ich in einem solchen Fall wirklich empathisch genug, um das direkt in diesem Augenblick, in dem es wirklich akut ist, zu bemerken? Im Zweifel dann doch eher gegen die Angeklagte. Und ich weiss von mir selbst, dass es sehr irrationale Dinge geben kann, die mich selbst auf dem falschen Fuß erwischen. 
Noch heute schlucke ich beim Anblick einer bestimmten Sorte Auto mit einer bestimmten Farbe, weil ich diese Kombination mit einem Menschen verbinde, der bei mir einen ganzen Berg unangenehmer Erinnerungen hinterlassen hat. Sehe ich ein solches Auto, bin ich erstmal still. Schaue auf das Kennzeichen, beruhige mich innerlich - aber darüber reden kann ich in diesem Moment nicht. Es gibt außer mir auch nur einen einzigen anderen Menschen, der diese irrationale Angst, diesen Trigger überhaupt kennt. Was, wenn meine Spieler ähnliche Momente erleben?

Achtsamkeit statt Drama

Ich wälzte den Gedanken noch einige Tage gedanklich hin und her und tat schließlich das, was ich jeder anderen Spielleiterin, jedem anderen Spielleiter raten würde: fragt doch einfach mal eure Spielerinnen und  Spieler, was sie davon halten. Alle vier kannten die X-Karte nicht, stimmten aber nach einer Erklärung meinerseits sofort zu, ein X-Token in unser Roll20-Setup mit einzuführen - unser mit Roll20 erfahrenster Spieler bastelte das spontan für die Runde.
Das X-Token darf dann jeder in die Mitte des virtuellen Spieltischs schieben, der sich in einer Situation unangenehm berührt fühlt. Da ich mit denselben Spielern schon in anderen Szenarien gespielt habe und wir ein X-Token bisher nicht gebraucht haben, bin ich mir fast sicher, dass wir es auch künftig nicht brauchen werden. Aber falls nicht, haben wir ein Mittel, aus einer blöden Situation für die betroffene Person noch einen Ausweg zu finden. Sollte in unsere Gruppe mal eine neue Spielerin oder ein neuer Spieler dazu kommen, die oder den ich eben noch nicht so gut kenne wie die Stammbelegschaft, ist das X-Token umso sinnvoller.

Das hat für mich nicht mit dem Reiten auf einer Modethema-Welle zu tun, sondern mit der guten alten Achtsamkeit und einer generellen Rücksichtnahme auf andere, damit sich alle gleichermaßen sicher und wohl fühlen klnnen. Gerade, wenn man anderen Menschen nicht direkt gegenüber sitzt und mitbekommen kann, wie es diesen im Moment geht, sind ein paar zusätzliche Sicherheitsnetze gut, die im Zweifel jemanden auffangen können. 
Ich wünschte, es wäre im MMORPG-RPG ebenso einfach, ein X-Token einzubauen, denn auch da habe ich schon viele Situationen erlebt, bei denen am Ende Spieler wegen eines Themas verstört oder zumindest emotional angegriffen waren und erst über die Jahre lernten, in solchen Momenten konsequent 'Stopp!' zu sagen. Wo Menschen zusammen kommen, knirscht es eben auch mal im Spielgetriebe - und ich bin froh, ein Mittel entdeckt zu haben, mit dem sich die Folgen mildern lassen.

Wie steht ihr zur X-Karte? Benutzt ihr sie in euren Tischrunden oder lehnt ihr sie als Spielmittel ab? Hinterlasst mir ruhig einen Kommentar und wir diskutieren darüber :) Mehr Wissens- und Lesenswertes zur X-Karte findet ihr hier.

Über Gloria H. Manderfeld

12 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Das einzige Mal, dass ich eine X-Card bekommen habe, war dieses Jahr auf D&D in a Castle. Sie wurde nicht benötigt, es hat aber auch nichts ruiniert, dass jeder eine hatte. Wobei noch wichtig war, wie die Karte im Zweifelsfall gezeigt wurde. Abhängig davon war, ob wir das Spiel direkt unterbrechen und gleich darüber reden oder ob die Situation abgemildert/übersprungen werden soll und wir nach dem Ende der Session entweder als Gruppe oder im Einzelgespräch zwischen DM und betroffenen Spieler darüber reden.
    In all meinen anderen Runden wird die X-Card nicht genutzt und hatte auch noch nicht das Gefühl, dass diese Karte gebraucht wird. Ich bin mir auch nicht sicher, ob zumindest in Runden am Tisch, wo sich alle beteiligten sehen, eine spezielle Karte benötigt wird oder nicht einfach Handzeichen oder was auch immer reichen. Am VTT ist es sicherlich nicht verkehrt einen Token oder ähnliches zu haben, da selbst mit Videochat nicht sicher gestellt ist, dass ohne Losreden wahrgenommen wird.
    Ich glaube auch, dass sie am ehesten bei großen Unwohlsgefühl funktioniert. Sollte etwas getriggert werden, dass deinem Verhalten in der Autosituation ähnlich, bin ich mir sicher, ob die Person in dem Moment überhaupt an die Karte denken kann. Da ist wirklich Aufmerksamkeit von allen gefragt.

    Ungeachtet meiner eigenen Einstellung werde ich mich bestimmt nicht weigern, wenn jemand darauf besteht, dass sie am Tisch (VTT) benutzt wird oder nur für sich selbst als Quasi-Versicherung dabei hat.

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    1. das soll natürlich "...bin ich mir NICHT sicher, ob die Person in dem Moment überhaupt an die Karte denken kann." heißen.

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    2. Letztendlich sehe ich die Karte einfach als zusätzliches Kommunikationsmittel - und wenn wir sie nie brauchen, bin ich sehr glücklich. Aber man kann nie wissen, und ich will mir auch nicht anmaßen, meine Spieler so gut zu kennen, dass ich immer wüsste, wie sie in bestimmten Momenten reagieren, siehe Autosituation. Man könnte auch einfach eine kurze Pause einlegen, wenn jemand das X-Token nutzt, und dann in Ruhe und abseits der anderen mit dem betreffenden Spieler/der betreffenden Spielerin kurz als SL sprechen, versuchen das Unwohlsein aufzulösen. Ich glaube nicht, dass es einen Idealweg gibt, dafür sind Menschen zu verschieden. Aber ich hoffe, wenn man sich bewusst macht, dass es Hilfsoptionen gibt, dass man generell leichter miteinander klarkommt.

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  2. Ich nutze die X-Karte seit ca. 2 Jahren in allen meinen Runden, egal ob ich Online oder am Tisch spiele, ob es in einer festen Runde ist oder in einem One-Shot auf bspw. einem Con. In all der Zeit habe ich sie nur einziges Mal eingesetzt und das war sogar bevor die Spielrunde begann (zuviel politisches Gerede, dass mich in dem Moment getriggert hat, auch wenn es auf meiner Wellenlinie war). Aber ich fand es immer gut das sie da ist. Auch Spieler*innen die sagten "Ich brauche das nicht." haben sie immer respektiert. Man weiß halt nie, was evtl jemanden oder einen selbst triggern kann.
    Und in One-Shot-Runden rede ich vorher auch immer noch zusätzlich über Tabu-Themen, vor allem (aber nicht nur) wenn es in den Horrorbereich oder historische Settings geht, halte ich es für enorm wichtig.

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    1. Das Vorher-Reden über Tabuthemen finde ich einen sehr guten Ansatz, das würde ich ggf. bei einer Runde mit unbekannten Spielern wohl auch tun. Und sehr gut, dass Leute, die von sich sagen, dass sie die Karte nicht brauchen, dennoch nicht anfangen zu stänkern :)

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  3. Druckbares zur Sicherheitskarte und Info zu anderen Sicherheitstechniken: https://spielen.trillitzsch.net/sicherheitskarte/

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  4. Hm, ich kann die Intention grundsätzlich nachvollziehen.
    Nicht so ganz verstehe ich die Notwendigkeit einer extra ausgedruckten Karte.
    Es handelt sich doch i.d.R. um Erwachsene Menschen am Tisch, da kann man doch einfach den Mund aufmachen und sagen: "Ey Leute, das ist mir grad unangenehm. Können wir das nicht anders behandeln?"
    Ich meine hey, es geht hier um Rollenspiele. Sofern man keinen reinen Dungeon Crawler spielt, besteht der Hauptaspekt eines solchen Spieles aus Kommunikation. Warum also nicht einfach kommunizieren?

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    1. Ich glaube, für manche Menschen ist es in einem Moment, in dem unangenehme Erinnerungen/Gedanken wieder hochkommen, nicht so leicht, dann gleich offen zu kommunizieren. Besonders schüchterne Menschen dürften dann von einem Vehikel wie der X-Karte profitieren - oder was auch immer man sich als Sicherheitsoption an den Spieltisch dazuholen mag. Die Karte ist ja gerade für Momente gedacht, in denen die Kommunikation aus welchem Grund auch immer schwierig wird.

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  5. Ich fühle mich gerade unheimlich bereichert. Ich dachte zunächst auch, so eine Karte sei überflüssig, weil ich mir vorstellte, dass mündige Erwachsene in der Lage sind, den Mund aufzumachen, wenn sie was stört. Aber die Beschreibung, was bei dir passiert, wenn du durch Auto + Farbe getriggert wirst, zeigt mir: Wenn man wirklich getriggert wird, dann ist's meistens schon zuspät. Und dann läuft das eben nicht mehr mit der Kommunikation. In so einem Fall nur noch auf eine Karte tippen zu müssen, dürfte da eine ziemliche Entlastung sein. Klar ist es kein Wundermittel, aber doch besser als nichts.
    Danke für die Horizonterweiterung!

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    1. Danke für das liebe Feedback :) Ich wollte einfach ein Beispiel für einen Moment bringen, in dem auch mir als Person, die sonst kein Problem mit Kommunikation hat, das 'darüber sprechen' schwer fällt - und ja, in solchen Momenten ist glaube ich irgendeine Möglichkeit (muss ja nicht die X-Karte sein, kann irgendein anderes Symbol sein), sich nonverbal auszudrücken, gerade hilfreich.
      Und gerne - ich musste meinen Horizont ja auch erstmal mit dem Thema generell erweitern :) you live and learn.

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  6. Ob nötig oder nicht. Es schadet vermutlich nicht. Interessant wären meines Erachtens durchaus mal konkrete Erfahrungen. Die explizite Schilderung traumatischer Erfahrungen und sei es nur aus der Perspektive des Zuschauers halte ich grundsätzlich für ungeeignet für den Spieltisch und meide sie daher.
    Kürzlich spielten wir ein SR Szenario bei dem die Runner ein Kind entführen sollten. Das war in meinen Augen zumindest ein potentieller Kandidat für solch ein Ereignis. Eine Karte hätte da allerdings nicht viel genützt. Nur der Autoschlüssel mit dem Hinweis, heute ohne mich Leute.
    Gibt es vielleicht jemanden, der über Erfahrungen einer benutzten X Karte berichten mag?

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