Rezension

Rezension: The Boys (Staffel 1)


Was wäre, wenn Superhelden real wären? In der alternativen Gegenwart der TV-Serie "The Boys" gibt es nicht nur einen Helden, der irgendeine Großstadt bewacht, sondern viele unterschiedliche, berühmte Helden, die vom Milliardenkonzern Vought gemanagt werden. Vought kümmert sich dabei nicht nur um die Superheldenvermittlung an schutzsuchende Städte in den USA, sondern auch um Merchandise, Superheldenfilme, Promotion und die Beseitigung der Probleme, die so ein Superheld hinterlassen kann. 

Das bekommt auch Hughie Campbell zu spüren, der als Elektrofachverkäufer in einem kleinen Laden arbeitet. Gerade noch hält er die Hände seiner Freundin Robin und plant mit ihr die Zukunft, dann löst sich Robin vor seinen ungläubigen Augen buchstäblich auf: Superheld A-Train, der schnellste Mensch der Welt und Mitglied der bekanntesten Superheldentruppe "Seven", ist durch Robin einfach durchgerannt und hat sie regelrecht zerfetzt. Nicht genug, dass Hughie innerhalb eines Moments den für ihn wichtigsten Menschen verliert, kümmert sich A-Train kein bisschen um den traumatisierten Mann, sondern setzt seinen Weg fort.

Die Schadensbeseitigungsabteilung von Vought meldet sich kurz darauf bei Hughie und bietet ihm eine finanzielle Kompensation an, die dieser ablehnt - nur um im angeblichen FBI-Agent Billy Butcher eine weitere Bekanntschaft zu machen. Butcher versucht, Hughie dazu zu überreden, im Hauptquartier der "Seven" eine Wanze zu installieren, um endlich den kriminellen Machenschaften der egoistischen, arroganten und menschenverachtend vorgehenden Superhelden und des Vought-Konzerns auf die Spur zu kommen. Hughie wäre wegen seines Verlusts der ideale Partner, da er nur eine persönliche Entschuldigung von A-Train zu fordern bräuchte - doch beide haben die Rechnung ohne den unsichtbaren Translucent gemacht, der wie A-Train ein Mitglied der "Seven" ist ...

Achtung: Wer nicht inhaltlich gespoilert werden möchte, sollte ab hier nicht weiterlesen, einige Überlegungen zur ersten Staffel lassen sich ohne einen genaueren Blick auf den Inhalt nicht treffen. Seid also gewarnt!

Die TV-Serie "The Boys" basiert grundlegend auf der gleichnamigen, bei Wildstorm und Dynamite und Entertainmeng erschienene Comic-Serie von Garth Ennis und Darick Robertson.Während "The Boys" in der Comicserie mit der Unterstützung der amerikanischen Behörden rechnen können, agiert Billy Butchers Gruppe, die neben ihm auch aus dem spleenigen, aber genialen Frenchie und dem gutmütigen, aber durchsetzungsstarken Mother's Milk besteht, im Untergrund. 

Neben dem Hauptstrang der Erzählung, die sich auf Hughies Erlebnisse konzentriert, verfolgen die Zuschauerinnen und Zuschauer auch den Werdegang der jungen Superheldin Annie January, welche als Starlight das neueste Mitglied der "Seven" wird. Ergänzt wird hauptsächlich durch Blickpunkte auf den Anführer der "Seven", den Superman-artigen Homelander und Voughts CEO Madelyn Stillwell, welche im Hintergrund die Strippen für einen künftigen Einsatz ihrer Helden in Militäroffensiven zieht.

Das generelle Setting von "The Boys" ähnelt unserer jetztigen Gegenwart sehr, treibt diese aber in ihrem Entwurf der USA ins Extrem und ergänzt diesen mit Superhelden. Ganz normale Menschen können ihren gefeierten Idolen im täglichen Einsatz begegnen, aber diese Begegnungen fallen nicht zwangsläufig angenehm aus, da viele Superhelden arrogant und menschenverachtend vorgehen. Wie berühmte Schauspieler werden die Superhelden hofiert und von der Presse gefeiert, müssen sich aber auch wie diese Gedanken um ihren Ruf und ihr öffentliches Image machen. 

Hierbei kommt Vought ins Spiel, der Konzern steuert die Superhelden-PR und vermarktet die Helden als eigenständige Marken - und natürlich zählt für den Konzern nur der Erfolg, der auf reichlich schmutzige Weise erreicht wird. Auch das eigentliche Retten von Menschen tritt hinter dem Fokus auf finanziellen Erfolg deutlich zurück. 
Gerade die Patrouillen der Mitglieder der "Seven" sind eher genauestens inszenierte Presseevents als wirkliche Heldenarbeit, was Starlight schnell feststellen muss - bei Besprechungen der "Seven" wird mehr über Marktanteile und Geld als über Verbrechen diskutiert, Voughts PR-Berater sind allgegenwärtig und wirken durch ihre Befugnisse oft weitaus mächtiger als die Superhelden. Madelyn Stillwells Einfluss reicht in höchste Politikerkreise, was sie skrupellos ausnutzt und durch ihre Helden unterstützt.

Die erste Staffel "The Boys" erzählt mehrere parallel verlaufende Entwicklungsgeschichten in Heldenreise-Manier. Die etwas naive Starlight, welche als Superheldin vor allem Menschen helfen möchte, wird mit der knallharten Konzernrealität konfrontiert und muss sich aus dem engen Erwartungskorsett ihrer Mutter befreien, was Erin Moriarty in ihrer Rolle sehr gelungen präsentiert. Hughie (gespielt von Jack Quaid) startet als braver, etwas antriebsloser ganz normaler Typ mit einem anspruchslosen Job und muss seine Zurückhaltung und Furcht überwinden, um selbstbestimmt zu entscheiden, wie er seine Zukunft gestalten will. 

Tüftler Frenchie entwickelt sich durch seine unerwarteten Empfindungen gegenüber der traumatisierten Kimiko, welche von den "Boys" ungewollt gerettet wird - und so weiter. Alleine Billy Butcher, dessen abgebrühte, zutiefst misstrauische und Superheldenverachtende Art von Karl Urban herrlich rotzig dargestellt wird, ist eine feste Konstante inmitten vieler Veränderungen. Butcher stellt damit auf der Seite der vermeintlich "Guten" den Kontrapunkt zum herrlich abgehobenen und von Antony Starr gespielten Homelander dar, dem Anführer der "Seven", dessen gewalttätige, arrogante Natur im Storyverlauf immer mehr durchschimmert und sich nur weiter steigert.

Wie viele von Garth Ennis entworfene Settings wirft auch "The Boys" einen schonungslosen Blick auf das Amerika der Gegenwart und entlarvt die Geldgläubigkeit, Bigotterie und Starverliebtheit der aktuellen Gesellschaft. Auf einem Religions-Con wird Starlight genötigt, Teenagern zur Enthaltsamkeit vor der Ehe zu raten, während Stargast Homelander die religiös-fundamentalistisch angehauchten Massen aufhetzt, um sich breite Unterstützung für seine Agenda zu rekrutieren, endlich für Amerika in den Krieg zu ziehen. Superhelden feiern bacchantische Orgien und missbrauchen einfache Menschen zu ihrem puren Vergnügen, Vought unterdrückt einen Skandal um sexuelle Nötigung lieber, anstelle das Opfer zu unterstützen - und letztendlich geht alles immer nur ums Geld. 


Gerade die knallharte, immer wiederkehrende Demontage der Superhelden zu teils reichlich jämmerlichen Personen mit ganz normalen, menschlichen Bedürfnissen und vor allem vielen Schwächen gerät erfreulich schonungslos, die gewollte Persiflage auf die meist recht strahlend ausfallenden Helden des Marvel- und DC-Universums ist offensichtlich. Die eigentliche Hintergrundstory rings um den Ursprung der Superhelden und die sich langsam verändernde Welt wird immer wieder passend eingeflochten und hält abseits der Charakterentwicklungen bei der Stange.
Dabei sind die gewählten Stilmittel jedoch nicht immer angenehm. Neben dem sehr hohen Splatteranteil, der für Garth Ennis' Weltentwürfe wohl unvermeidbar ist, wird das Thema sexuelle Gewalt immer wieder bedient und gerät für Zuschauerinnen und Zuschauer mit entsprechender Vorbelastung zu einem unerfreulichen Trigger. Dabei fällt besonders der wenig innovative Storyarc rings um Starlight und The Deep auf. 

Während letzterer aus seinem massiven Fehlverhalten gegenüber Starlight letztendlich nur auf einen anderen Posten in einer deutlich weniger spannenden Stadt versetzt wird und sich dort ohne echte Empathie für sein Opfer in Selbstmitleid ergießt, hat Starlight massiv mit den Folgen zu kämpfen und wird von ihrer Umgebung weitgehend in ihrem Elend alleingelassen, selbst eine potentielle Verbündete wie Queen Maeve aus den "Seven" begegnet ihr nur mit Gleichgültigkeit. Nur ein Außenseiter - Hughie - der Starlight durch Zufall begegnet und nichts von ihren Problemen und ihrem Leben als Superheldin ahnt, ist überhaupt bereit, ihr zu helfen. 


Abgesehen davon, dass ich diese zum hunderttausendsten Mal ausgelatschte Trope "Frau wird durch sexuelle Gewalt stärker und entwickelt sich" ohnehin nicht leiden kann, scheint mir hier der Blick der Storywriter durch die ohnehin gesellschaftlich allzu stark vorhandene Neigung zur Opfermarginalisierung verstellt. Das zeigt sich auch in einer Folge, in der Butcher und Hughie eine Selbsthilfegruppe für Superheldenopfer besuchen, in der die teils von massiven Schädigungen betroffenen Opfer trotz allem den Verursachern ihrer Schmerzen und Benachteiligungen mit einer Art verklärter Heldenanbetung begegnen, anstelle rechtschaffen wütend zu sein und sich zu wehren. 

Diversitäts-Check: Generell entspricht das Lineup der Charaktere dem Durchschnitt zeitgenössischer amerikanischer TV-Serien und bildet aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse ab: Personen in Entscheiderpositionen sind zumeist männlich und weiß, People of Colour werden entsprechend gängiger Vorurteile behandelt, sofern sie nicht durch den Superhelden-Nimbus geschützt sind.
Das rein auf PR-Tauglichkeit besetzte Superheldenteam "Seven" besteht nahezu ausschließlich aus Personen mit kaukasischen Merkmalen, die Gruppierung rings um Billy Butcher ist etwas diverser aufgestellt. Alle dargestellten romantisch-sexuellen Beziehungen sind heteronormativ besetzt, während ein Superheld für bessere Werbe-Außenwirkung seine schwule Orientierung nur im Verborgenen auslebt.


Insgesamt ist "The Boys" abseits der interessant erzählten Alternativdarstellung von Superhelden eine gemischte Erfahrung: Für meinen persönlichen Geschmack hätte es weder die vielen Splattermomente noch so manche Gewaltdarstellung gebraucht, ich hatte es aber angesichts des Wissens um den Storyurheber auch nicht wirklich anders erwartet. Menschen mit einer Vorbelastung durch sexuelle Gewalt dürften mit "The Boys" weniger Freude haben, da das Thema immer wieder Eingang in die Gesamtstory findet. 

Ich würde mir allerdings für eine zweite Staffel wünschen, dass gerade Nebenfiguren wie Frenchie und Kimiko oder Superhelden wie Queen Maeve nicht zu reinen Storyvehikeln verkommen, die nur dann einen Fokus erhalten, wenn ein bestimmtes Thema durchexerziert werden soll - ihnen nicht ein bisschen mehr Screentime zu geben, wäre echte Verschwendung interessanten Potentials. Antiheld Homelander verspricht jedenfalls reichlich Abwechslung und ist als sich entwickelnder Superschurke vielversprechend angelegt, mehr Diversität würde der Gesamtkonstruktion aber sehr guttun.

Fazit: Schonungslose Alternativdarstellung von Superhelden in einer auf die Spitze getriebenen Version der Gegenwart mit reichlich Splatter und Gewalt aller Arten - sehenswert für Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich in Garth Ennis' Welten zuhause fühlen. Acht von zehn möglichen Punkten.

Seriendetails:
Titel: The Boys
Produktion: Amazon Studios, Original Film. Point Grey Pictures, Sony Pictures Television
Idee: Eric Kripke, Evan Goldberg, Seth Roben
Erstausstrahlung: 26. Juli 2019
Originalsprache: Englisch
Episoden: 8 (á 60 Minuten)
Musik: Christopher Lennertz
Darsteller: Karl Urban, Jack Quaid, Antony Starr, Erin Moriarty, Elisabeth Shue, Dominique McElligott, Jessie Usher, Chace Crawford, Nathan Mitchell, Laz Alonso, Karen Fukuhara, Tomer Kapon, Simon Pegg

Über Gloria H. Manderfeld

0 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

Kommentar veröffentlichen

Datenschutz-Hinweis: Mit der Nutzung der Webdienst-Login-Möglichkeit zur Verwendung bei einem Kommentar werden die entsprechenden Daten an Blogger/Blogspot übertragen.
Hierbei werden die bei Loginverfahren üblichen Daten genutzt. Wer dies nicht möchte, kann die Möglichkeit nutzen, anonymisierte Kommentare ohne Datenübertragung zu schreiben. Wer seinen Kommentar löschen lassen möchte, möge dies bitte per Mail an die im Impressum genannte Adresse mitteilen.

Powered by Blogger.