Karneval der Rollenspielblogs

Neue Energie für alte Charaktere


Manche Rollenspiel-Charaktere spielt man nicht nur ein paar Wochen, sondern vielleicht auch einige Jahre lang. Egal, ob das nun ein LARP-Charakter ist, den man im Rahmen einer Gruppe entwickelt, ein liebgewonnener Char aus dem Online-Rollenspiel oder aber ein Tischrunden-Veteran, bislang habe ich immer wieder von Mitspielern gehört, dass sie nach einer längeren Zeit das Gefühl gewonnen haben, sie hätten mit diesem bestimmten, alten Charakter schon alles gesehen, alles erlebt, alles erreicht.
Im Rahmen des "Karneval der Rollenspielblogs" lautet das Thema im Mai 2018 "Spielercharaktere weiterentwickeln" - und ich möchte euch in diesem Artikel ein paar Anreize geben, auch eure altbekannten Charaktere ein bisschen zu hinterfragen und daraus neue Ideen für die Spielzukunft zu entwickeln. Vor einigen Jahren habe ich mich bereits mit diesem Thema beschäftigt und mir überlegt, wie man altgediente Helden vom Abstellgleis zurückholen kann - dieses Mal geht es mehr um die Persönlichkeit und die Gewohnheiten eurer Helden, um innere Entwicklung und deren mögliche Folgen:

1. Hat die Vergangenheit die Gegenwart schon eingeholt?
Oftmals geht die Hintergrundgeschichte eines Charakters unter dem Tagesgeschäft wie 'Probleme lösen' und 'Welt retten' ein bisschen unter - hier ist Potential für neue Schwierigkeiten, neue Herausforderungen für eure Charaktere. Beispielsweise eine verflossene Liebe, die nun erneut auftaucht und das Gefühlsleben durcheinanderbringt. Eine alte Feindin, die wieder auf den Plan tritt, ein alter Freund, der Hilfe braucht - oder aber Familienmitglieder, deren Tun die Angewohnheit hat, eurem Charakter eine Menge Abwechslung zu bescheren. 
Gerade, wenn der Charakter klare, feststehende Verhaltensmuster im Bezug auf seine Umwelt hat, kann es sich sehr lohnen, durch einen NPC (oder, falls Interesse vorhanden, auch durch einen Spielercharakter) mit einem entsprechenden Verhältnis zum Char neue Impulse 'reinzubringen. Und, ein weiterer Vorteil bei einer in der Vergangenheit vorhandenen Vorgeschichte, die Chars haben immer ein Thema, über das sie miteinander sprechen oder über welches sie sich auseinander setzen können. 
Und wenn es in der Vergangenheit eures Charakters noch nicht so sehr viel gibt, aus welchem Grund auch immer, ist das eine gute Gelegenheit, sich in dieser Richtung mal ein bisschen mehr auszudenken, vielleicht auch einfach mit einer Zufallstabelle zu erwürfeln, wenn euch gar nichts einfällt, ihr aber dennoch Lust auf mehr Hintergrund habt. Jeder Charakter hat eine Vergangenheit und diese prägt einen Char ebenso wie sie dies im realen Leben mit uns als Spielern tut.

2. Welche Erfahrungen des Charakters könnten prägend gewesen sein?
Im Lauf der Zeit erleben alle Rollenspielcharaktere tiefgreifende Dinge - Kriegsgeschehen, Verluste, grandiose Erfolge, Hass und Liebe, Feindschaften, Gier und Selbstlosigkeit. Da jeder Charakter das Spiel mit einem bestimmten Mindset beginnt, bei D&D sehr leicht durch das Gesinnungssystem bestimmt, ergibt sich daraus natürlich die Möglichkeit, etwas für die Zukunft zu verändern, da sich auch Personen mit den Jahren ändern.
Blickt zurück auf das, was euer Charakter getan hat, was ihm zugestoßen ist, und überlegt, was davon die Möglichkeit hatte, die Persönlichkeit nachhaltig zu prägen. Auch ein sehr vertrauensseliger Mensch könnte seine Einstellung gegenüber anderen ändern, wenn er mehrfach auf sehr bösartige Weise enttäuscht und verarscht wurde, ein fröhlicher Charakter könnte durch entsprechend bittere Erfahrungen vorsichtiger und weniger fröhlich geworden sein, ein sehr misstrauischer Charakter könnte, wenn ihm jemand über lange Zeit bewiesen hat, dass sich Vertrauen lohnt, auch offener und zugänglicher geworden sein. Ändert sich ein Grundpunkt im Verhalten eines Charakters im Bezug auf andere, ergeben sich oft auch neue Spielmöglichkeiten - habt Mut, konsequent weiterzuentwickeln, was durch das Spiel entstanden ist, auch wenn es schwierig werden kann, wenn ihr darüber nachdenken, vielleicht sogar recherchieren müsst. Schwierig muss nicht gleichbedeutend mit schlecht sein, denn immerhin geht es darum, etwas für euch bereits bekanntes neu zu interpretieren.

3. Welche Lebensphase erlebt der Charakter derzeit?
Zumindest bei Menschen gibt es verschiedene Lebensphasen, die unser Tun und unser Verhalten entscheidend mitbestimmen. Teenager erproben sich, rebellieren gegen alte Werte, müssen ihre Persönlichkeit noch finden und gegen andere verteidigen. Junge Erwachsene probieren sich noch aus und setzen Erleben häufig vor Erfolg, bei Erwachsenen zwischen dreißig und vierzig setzt gerne der Nestbautrieb und das Familienfinden ein, zwischen vierzig und fünfzig erleben so manche eine Midlifecrisis und stellen alles Erlebte in Frage - und so weiter. 
Je nachdem, wie lange ihr eure Charaktere schon spielt, wäre natürlich auch die Möglichkeit gegeben, dass sich die Ziele und Motivationen eines Charakters ändern. Ein früher sehr freigeistiger und auf Erlebnisse fokussierter Charakter könnte sich binden wollen, Reichtümer zur Absicherung eines Familienlebens anhäufen wollen. 
Ein früher sehr zuverlässiger und geradliniger Charakter könnte alles in Frage stellen und sich plötzlich neu ausprobieren wollen - und so weiter. Gerade, weil Umschwünge wie eine Midlifecrisis nicht sonderlich viel Vorlaufzeit brauchen, könntet ihr damit euer Spiel komplett umkrempeln, so es zum Alter und der Lebensphase passt. Gerade skurrile Erlebnisse, seltsame neue Gewohnheiten und Verhalten, das vorheriges kontrastiert, kann für euch und die Spielumgebung viele neue Anreize geben, sich neu zu finden und zu er-finden.

4. Haben Gewohnheiten langfristige Folgen?
Die meisten Charaktere haben irgendwelche Dinge, die sie gerne und oft tun - und je nachdem, was das für Gewohnheiten sind, könnte man auch daraus die ein oder andere Veränderung konstruieren. Ein Charakter, der regelmäßig und viel Alkohol oder sonstige Drogen konsumiert, könnte gesundheitliche Folgen erleben, ein Charakter mit Glückspielvorliebe könnte in ein Milieu geraten, in dem er plötzlich durch Falschspiel von NPCs mit Erpressung und anderem konfrontiert wird. 
Ein dauernder Bordellbesucher könnte mit ungewolltem Nachwuchs oder interessanten Krankheiten zu tun bekommen, ein viele Almosen spendender Charakter könnte sich gegen den Neid anderer verteidigen müssen oder mit einem plötzlichen riesigen Andrang, sogar einem eigenen 'Fanclub' unter den Ärmsten zu tun bekommen, der ihn als neuen Guru verehrt. 
Habt hier ruhig den Mut, erstmal negative Konsequenzen in Kauf zu nehmen oder das Tun eurer Charaktere kreativ weiterzudenken. Vor allem, wenn ihr in einer geregelten Spielumgebung unterwegs seid, in der ein Spielleiter mit NPCs für Abwechslung sorgen kann, ist der langsame Weg zur Verbesserung einer schwierigen Situation etwas sehr Lohnendes, das einen Charakter auch wieder neu prägen kann.

5. Habt ihr schonmal Roulette gespielt?
Es gibt immer Dinge, die sich ein Charakter wünscht - aber auch eine Menge Sachen, die für den Charakter weniger wichtig sind, die er vielleicht gar nicht haben will und die dafür jemand aus der unmittelbaren Umgebung ziemlich stark begehrt. Sei es nun Reichtum, Ruhm, Gesundheit, viel Zuneigung, sonstiger Besitz, besonderes Wissen - es gibt immer etwas, das sich ein Charakter wünschen und erhoffen kann.
Warum ihm dann nicht einmal einen unverhofften Segen spenden - aber natürlich nicht das, was er selbst unbedingt will, sondern das, was jemand aus seiner direkten Umgebung sich wünscht? Der Umgang mit solchen Begierden und Bedürfnissen, wie weit man jemand anderem etwas zugesteht, wie freigiebig man ist, bestimmt den Charakter einer Person ebenso wie seine sonstigen Schwierigkeiten und Kenntnisse. 
Jemand, der niemals reich war, wird nicht wissen, wie es ist, als sehr reiche Person zu leben. Wer immer ein recht unauffälliges Leben gelebt hat, muss als berühmte oder begehrte Person ganz neue Herausforderungen meistern - vor allem, wenn in nächster Umgebung Neid aufkommt oder sich Begehrlichkeiten entwickeln. Im Grunde ist das wie Roulette - man weiß nie, was bei einem Gewinn passiert, und wer gewinnen wird. Sicher ist nur, dass ein Gewinn einiges durcheinanderwirbeln kann ...

Und ihr so? Gab es bei diesen Tipps etwas, das für euch hilfreich ist? Oder habt ihr selbst einen Gedanken, der sich für langgespielte Charaktere als hilfreich erwiesen hat, um ihnen einen neuen Kick und neue Herausforderungen zu verpassen? Schreibt's mir gerne in die Kommentare, ich bin gespannt darauf!

Über Nerd-Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

Auch auf Facebook, Google+ und Twitter erhältlich!

2 Eure Meinung zu den Nerd-Gedanken:

  1. Vielen Dank für diesen Post! :)
    Ich überlege (dank Gildentreffen mit so vielen netten Leuten und alten Bekannten) wieder in SWTOR einzusteigen, habe aber genau das Problem: Been there, done that, got the T-Shirt.
    Meine Charaktere haben ihren Lauf gehabt, ihre Stories sind erzählt. Oder BioWare hat sie mir mit ihrer Zakuul-Story an die Wand gefahren.
    Ich denke, ich werde einfach mal eine pro/contra-Liste pro Charakter anfertigen, wie wahrscheinlich es ist, dass er sich mit den derzeitigen Ereignissen noch entwickeln kann und auch Spaß macht.
    Oder ich werfe einem davon einen Stein auf den Kopf und komme als "muss von Null anfangen" wieder. Eignet sich natürlich nicht für den Lord. Aber für Normalsith schon. :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Finde ich eine gute Idee, das mit der pro/contra-Liste- nicht zuletzt, weil ich bisher die Erfahrung gemacht habe, dass man klarer sieht, wenn man sich bestimmte Punkte auch mal schriftlich vor Augen führt. Gerade, wenn es um ein so zeitlich umfangreiches Hobby wie Rollenspiel geht :) Viel Glück beim Antworten-Finden!

      Löschen

Datenschutz-Hinweis: Mit der Nutzung der Webdienst-Login-Möglichkeit zur Verwendung bei einem Kommentar werden die entsprechenden Daten an Blogger/Blogspot übertragen.
Hierbei werden die bei Loginverfahren üblichen Daten genutzt. Wer dies nicht möchte, kann die Möglichkeit nutzen, anonymisierte Kommentare ohne Datenübertragung zu schreiben. Wer seinen Kommentar löschen lassen möchte, möge dies bitte per Mail an die im Impressum genannte Adresse mitteilen.

Powered by Blogger.