Der perfekte Moment

Der perfekte Moment: Niemals genug


"Captain van Arden, gemäß imperialer Richtlinien ist nun eine Bergung sowie Obduktion der beiden gefallenen Kameraden des letzten Einsatzes erfolgt, womit ich Sie hiermit zwecks Kondolenzbenachrichtigung formal in Kenntnis setze."

Die Schriftzeichen auf dem Display der Arbeitskonsole von Captain Lienas van Arden flimmerten vor ihren Augen. Es war längst Nacht geworden und während der Regen von Dromund Kaas leise gegen die raumhohen Fenster ihres Büros trommelte, lehnte sich die Offizierin in ihrem Schreibtischstuhl zurück und schloss für einige Momente lang die Augen. Egal, welche Namen und Dienstnummern nach dieser Standard-Einleitung genannt werden würden, die Pflicht blieb dieselbe. Kondolenzschreiben für die Angehörigen, zwei weitere für die gefühlt ewig lange Liste der Gefallenen der letzten Jahre. 

Inzwischen hasste sie diese Aufgabe von ganzem Herzen, hielt sie aber nach wie vor für wichtig genug, um sie nicht an irgend einen ihrer Untergebenen zu deligieren. Es vermittelte denjenigen, die mit einem bitteren Verlust leben mussten, zumindest für einen Moment den Eindruck, dass man den Tod der Gefallenen nicht marginalisierte. Vielleicht war es für manche sogar ein Trost, wer wusste das schon. Im Lauf der letzten Jahre, in denen sie diese bittere, immer wiederkehrende Pflicht erfüllt hatte, schienen ihr die von ihr geschriebenen Worte ganz gleich welcher Art nur ein schales und leeres Echo, niemals genug, um ein Leben in seiner Gänze zu erfassen.

RfsB Winia Horan, Dienstnummer 04NCOM-WHA1036215
RfsB Palin Janso, Dienstnummer 11VCDK-PJA1092174

Zwei RfsB-Soldaten auch noch, Strafsoldaten, die durch ein gravierendes Verbrechen ihre Bürgerrechte verwirkt gehabt hatten - eine Schande für die jeweilige Familie und mögliche Ehepartner. Dass diese RfsBler überhaupt einem Erschießungskommando entgangen waren, lag am nach wie vor vorhandenen Mangel an Soldaten. Die Lage war zwar längst nicht mehr so verzweifelt wie während und unmittelbar nach der Zakuul-Herrschaft, aber doch noch spürbar anders als zu der Zeit, als sie zur Infanterie gewechselt war. War das wirklich schon gute zehn Jahre her?

Zwei im Einsatz gefallene RfsB-Soldaten waren rein verwaltungstechnisch noch nicht einmal einen personalisierten Kondolenzbrief wert, da man sie nicht mehr als wertvollen Teil der Gesellschaft erachtete. Dennoch, sie hatten dafür gesorgt, dass andere Soldaten ihre Pflicht tun und den Einsatz zum Erfolg führen konnten, es gab Eltern, die nach ihnen fragen würden - und das war für die Offizierin ausreichend.

Kamassra schnarchte in voller Lautstärke in seiner Box unter ihrem Schreibtisch. Trotz der spürbaren Lärmbelästigung durch den schlafenden Zierblurrg verliehen die an- und abschwellenden Geräusche dem nüchtern eingerichteten Raum ein gewisses Gefühl von Vertrautheit. In ihrem Büro gab es bis auf einen Cafbecher mit Einheitslogo keine persönlichen Gegenstände, ihr einziges Zugeständnis an ihren persönlichen Komfort stellten die wenigen, aber gut gepflegten Zimmerpflanzen dar. 
Und natürlich die Blurrg-Schlafbox, welche sie nach der Anschaffung des schwarz-weißen Zuchttiers mit preisgekröntem Stammbaum ebenfalls gekauft und an dem einen Ort deponiert hatte, an dem sie die meisten Stunden des Tages verbrachte. 

"Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihre Tochter Winia bei einem Einsatz für die Sicherheit der Bürger von Dromund Kaas zu Tode gekommen ist. Sie hat sich in den letzten Wochen sehr bemüht, durch vermehrten und stetigen Einsatz ihren Status als Bürgerin des Imperiums zurück zu erlangen und zögerte nicht, für die Erreichung des vorgegebenen Ziels das höchste Opfer zu erbringen  ..."

Der Zierblurrg hatte sich in den letzten Wochen und Monaten als zuverlässiger, unkritischer und vor allem völlig haarfreier Gefährte erwiesen und erhellte der Offizierin den Dienstalltag, der sich seit ihrer Kommandoübernahme einmal mehr trostloser als zuvor gestaltete. Die immer gleich ablaufenden Tage erinnerten sie an die Zeit nach dem Einsatz auf Onderon, in welcher der Major missed in action gewesen war. Dieses Mal wusste Lienas zwar, wo sie den ehemaligen kommandierenden Offizier des Sturmregiments finden konnte, da er nun im Ministerium Dienst tat. 

Aber die Lücke, die er in ihrem Tagesablauf hinterließ, war merklich. Keine morgendlichen Besprechungen, kein Morgenlauf, kein irgendwann nachmittags gemeinsam getrunkener Caf - es war erstaunlich, wie sehr man sich an solche eigentlich unerheblichen Rituale gewöhnen konnte. Als Kamassra im Schlaf gluckste, schob sie ihren Schreibtischstuhl ein Stück zurück und betrachtete den in seiner Box bequem eingerollt liegenden Zierblurrg. Eines seiner Hinterbeine zuckte im Schlaf. 

Was er wohl träumen mochte? Vielleicht rannte er auf Panasch mit den anderen Zuchttieren im Gehege umher. Vielleicht war er in seinen Träumen ein mächtiger Kämpfer, der seine Umgebung terrorisierte und einen kleinen Harem weiblicher Blurrgs beschäftigte? Lienas neigte sich zur Box herunter und streichelte den schlafenden Zierblurrg behutsam. 
Inzwischen wusste sie, wieviel Druck sie ausüben konnte, um ihn nicht zu wecken. Das Tier räkelte sich unter ihrer Berührung und drehte sich prompt auf den Rücken, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Als er ein leise gurrendes Geräusch von sich gab, schmunzelte sie einen Moment lang und widmete sich wieder dem Display auf  ihrem Schreibtisch. 

"Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Sohn Palin bei einem Einsatz für die Sicherheit der Bürger von Dromund Kaas zu Tode gekommen ist. Er war unter seinen Kameraden wegen seines Humors beliebt und erwies sich im Dienst wie auch außerhalb des Dienstes als sehr hilfsbereit. Im Augenblick der Gefahr zögerte er nicht, für die Erreichung des vorgegebenen Ziels das höchste Opfer zu erbringen  ..."

Warum nur fielen ihr diese verdammten Kondolenzbriefe so schwer? Schon bei den ersten hatte sie stundenlang nach den richtigen Worten gesucht, um dem unwiederbringlichen Verlust eines Lebens gerecht zu werden. Damals auf Jaguada hatte sie diese Pflicht freiwillig übernommen und irgendwie war ihr diese Aufgabe erhalten geblieben. 
Die Zeit auf Fort Asha lag so weit in der Vergangenheit, dass es sich für Lienas manchmal wie ein anderes Leben anfühlte - das Leben vor Saffar. Und dieses Leben nach Saffar schien noch immer nicht zu passen, wie eine Uniform, die ihr eine Größe zu eng geworden war. Ein Leben, das ebenso wenig zu ihr gehörte wie dieser neue Rang, eine Aufgabe, die sie nie gewollt hatte und nun doch ausfüllte.

Sie zog langsam die oberste Schreibtischschublade auf und nahm den schmalen Waffenkoffer heraus, der dort seit der Kommandoübergabe-Feier untergebracht war. Im Inneren befand sich, auf dunkelrotem Samt lagernd, ein schwerer Handblaster militärischer Bauart, die Technik etwas veraltet, aber in ausgezeichnetem Zustand. 
Lienas' Blick schweifte über die kleineren Kratzer und Schrammen auf dem Gehäuse, mit einer schmalen, hochwertig gravierten Plakette auf dem Systemgehäuse. Kurz entschlossen nahm sie den Blaster heraus, aktivierte ihn und prüfte die Waffe routiniert auf Funktion. Das Gewicht des Blasters lag gut in ihrer Hand, schmeichelte ihren Fingern. War sie es wert, dieses Erbe anzutreten? 

Bisher hatte sie es nicht über sich gebracht, dieses geschichtsträchtige Geschenk des ehemaligen Standortkommandanten von Fort Asha, Colonel Sordan, tatsächlich zu benutzen. Der Blaster war ihm einst von seinem Dienstvorgänger vererbt worden, und nun hatte er ihr seine Waffe zugedacht, mitsamt einer Namensgravur, der ihr die Waffe zueignete. Und doch - die Fußstapfen, die damit verbunden waren, schienen unendlich groß, ganz egal, was Colonel Sordan selbst denken mochte. 

Ob er sich in dem Moment, in welchem sein ehemaliger Kommandant ihm seine Waffe gegeben hatte, genauso hilflos und ziellos gefühlt hatte wie sie an jenem Abend? Sie legte die Waffe sachte auf ihren Schreibtisch und öffnete das Holster am Gürtel. Darin befand sich ihre bisherige Standard-Dienstwaffe, diese legte sie nahezu lautlos neben dem Blaster mit Geschichte ab. Die Kontraste hätten nicht deutlicher sein können. Etwas klobigere Machart mit Schrammen gegen schlanke, moderne Effizienz mit weitaus weniger Charakter. 

Der Gedanke, in Colonel Sordan seit damals einen wohlwollenden Unterstützer zu haben, war tröstlich. Er hatte immer verstanden, warum ihr die Briefe wichtig waren, warum es wichtig war, sie selbst zu schreiben. Als sie den etwas antiquierten Handblaster in ihr Holster schob, fühlte es sich richtig an. Irgendwann war es genug mit den Gedanken, und man musste handeln. Genau wie sie irgendwann immer mit dem Schreiben der Briefe fertig wurde und sie abschicken musste, wohl wissend, dass sie damit Schmerz und Verlust in Familien brachte, die davon zuvor nichts geahnt hatten.

"...so kann ich Ihnen nur aus ganzem Herzen mein Beileid aussprechen und betonen, dass ich mir einen anderen Ausgang des Einsatzes gewünscht hätte. Ihr Kind wird nicht vergessen werden."

Kamassra schnaufte genüsslich und rollte sich platt auf seinen Bauch, um lautstark einen knatternden Furz fahren zu lassen. Der von unten aufsteigende Geruch stank so schlimm, dass Lienas für einen Moment stark in Versuchung war, sich den Helm ihrer Kampfrüstung über den Kopf zu stülpen - aber dann entschied sie sich doch dafür, einfach nur zu lachen und sich mit einer Hand frische Luft entgegen zu wedeln. 
Der Zierblurrg schrak aus seinem Schlummer auf und gab ein verwirrtes Gurren von sich, bis Lienas ihn hoch hob und auf ihren Schoß setzte, um ihn mit einem Streicheln zu beruhigen. Trotz der Giftgasattacke waren die trüben Gedanken mit einem Mal fort, das Leben hatte sich unweigerlich vor den Tod geschoben. 

Kamassra mit einer Hand kraulend, unterschrieb sie beide Kondolenzbriefe, schickte sie ab und markierte diesen Teil des Verwaltungsakt in beiden Akten als erfüllt. Dann öffnete sie eine neue Anforderung, um die Technikabteilung darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie ihre bisherige Dienstwaffe abgeben wollte, um sie durch eine andere zu ersetzen. 
Ihr Alltag, bestehend aus Anweisungen, Akten, Vermerken und Pflichten. Aber mit einem zufrieden gurrenden Blurrg auf dem Schoß und dem Wissen, dass es auch auf sie Menschen warten würden, ließ er sich ertragen. Vielleicht eines Tages sogar meistern. 

"Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie mich jederzeit kontaktieren. 
 
Hochachtungsvoll,
Captain Lienas van Arden

Kommandierender Offizier
17. Sturmregiment Kaas"

Über Gloria H. Manderfeld

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