Buch

Rezension: Vox


Im Amerika der Gegenwart haben sich die Verhältnisse zugunsten der »Bewegung der Reinen«, einer extrem patriarchalisch ausgerichteten, christlich-fundamentalistischen Gemeinschaft, verändert. Frauen sind dabei ohne Ausnahme einer entscheidenden Einschränkung ausgesetzt: jede Frau darf am Tag maximal 100 Wörter sprechen, was mittels eines Armbands am Handgelenk gezählt wird. Verstößt eine Frau gegen diese Maximalmenge, wird sie mit immer stärker ausfallenden Stromstößen bestraft, welche auch zum Tod führen können. Daneben werden Frauen gänzlich auf die Rolle als Hausfrau und Mutter beschränkt, ganz gleich, welche Qualifikationen und Kenntnisse sie vor dem politisch-gesellschaftlichen Umschwung vorhanden waren.

Eine dieser Frauen ist die Wissenschaftlerin Jean McClellan, die ihren geliebten Beruf als kognitive Linguistin nicht mehr ausüben kann und sich in ihrer neuen Lebensumgebung nicht wirklich einfindet. Nicht zuletzt, da sie beobachten muss, wie sich ihre Tochter Sonia von einem aufgeweckten, lebensfrohen Kind zu einem in sich gekehrten, unterdrückten Mädchen entwickelt, das verzweifelt versucht, überhaupt nicht mehr zu sprechen, um in einer Gesellschaft von zwangsverstummten Frauen alles besonders richtig zu machen. 
Als der Bruder des Präsidenten jedoch nach einem Unfall an einer Sprachstörung erkrankt, ist Jeans Fachwissen plötzlich wieder gefragt – und nach und nach kommt sie einer erschreckenden Verschwörung auf die Spur, welche die ganze Welt verändern könnte …

Als Fan von Dystopien aller Art war natürlich auch Christina Dalchers Roman »Vox« ein Pflichtkauf, da das vorgestellte Gesellschaftsmodell die aktuell vorhandenen Tendenzen, eine auf das Wohl weißer Männer ausgerichtete Gesellschaft so gut wie möglich zu zementieren, auf die Spitze treibt.
Denn mit dem Sprachverbot über 100 Wörter hinaus ist es bei »Vox« nicht getan: Zugang zu Lesestoff, Foren oder sonstigen Möglichkeiten der Kommunikation ist für Frauen nicht mehr vorgesehen, selbst eine auf Gestiken basierende Ersatzsprache wird hart bestraft. 

Kurz, der gesamte Entwurf basiert auf dem Grundgedanken, Frauen die Möglichkeit zu nehmen, sich mit anderen Menschen auszutauschen und wechselnde Nahrung für den eigenen Geist zu erlangen. Bedenkt man, dass ein durchschnittlicher Mensch etwa 16000 Worte pro Tag äußert, erscheinen gerade mal 100 Wörter, um sich auszudrücken und mitzuteilen, besonders wahnwitzig und unmöglich (alleine dieser Artikel umfasst insgesamt schon 1046 Wörter).

Selbst Ehestreitigkeiten oder einfachster Umgang mit zu erziehenden Kindern werden so im Grunde unmöglich gemacht und in die Verantwortung der Väter gelegt, was die Heldin Jean McClellan, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, immer wieder bitter und schmerzhaft am eigenen Leib erfahren muss. Dabei ist ihr Ehemann Patrick nicht gerade ein Vorbild an väterlicher Fürsorge oder partnerschaftlicher Verantwortung. 
In so mancher Szene wirkt es sogar, als wäre er über die Verstummung seiner Frau gar nicht so unglücklich, da sie ihm zuvor durch ihre wissenschaftliche Expertise überlegen war. Doch auch Jean ist kein Unschuldslamm, hat sie doch in der Zeit vor den Armbändern eine midlifecrisis-induzierte Affäre mit einem vor Klischees nur so strotzenden Kollegen begonnen, von der man nach und nach die wesentlichen Details erfährt, und jahrelang die Augen vor den sich beginnenden gesellschaftlichen Umwälzungen verschlossen.

Verglichen mit der realen Gegenwart erinnert mich vieles am Geschehen im Buch an den Spruch, dass Böses nur geschehen kann, wenn gute Menschen nicht tätig werden – denn genau das ist es, was man der Jean aus der Vergangenheit sehr wohl vorwerfen kann. 
Durch eine Freundin immer wieder vor den möglichen Konsequenzen ihres Desinteresses an aktueller Politik gewarnt, fokussiert sie sich dennoch einzig auf ihre wissenschaftliche Karriere und widmet sich nur egoistischen Zielen, um dann viel zu spät zu erkennen, was der Endpunkt der Entwicklung ist. Ein nicht gerade subtil formulierter Weckruf der Autorin, der auf jeden Fall seine Berechtigung hat, wenn man sich betrachtet, welches Gedankengut heutzutage in politischen Debatten wieder ein überaus hässliches und rückwärtsgewandtes Gesicht zeigt.

Durch die lange Konzentration der Handlung auf Jeans direkte Umgebung und Familie werden die Konsequenzen der ‚reinen‘ Gesellschaft in verschiedenen Variationen aufgezeigt. Jeans dumpf-wütendes Unglück, die Entspannung ihres Ehemannes, die sehr unterschiedlich ausfallende Reaktion ihrer Söhne auf die neuen Möglichkeiten und Richtlinien und zu guter Letzt auch das Schicksal von Nesthäkchen Sonia veranschaulichen die ganze Gewalt und Ohnmacht des Szenarios besser als es jede allgemeine Beschreibung könnte.
Gerade in Momenten, in denen die Ehepartner aneinander geraten oder Jean die Entwicklung ihrer Tochter Sonia mit wachsender Sorge verfolgt, wirkt das Setting besonders greifbar und nachvollziehbar. Die Immersion wird von der Autorin mit vielen glaubhaften und gut durchdachten Details ausgeformt, sodass gerade im ersten Drittel des Buches ein merklicher Lesesog entsteht, bei dem man sich stets fragt, wie es weitergeht und welchen Schwierigkeiten Jean noch ausgesetzt ist.

Geschickt eingefügt ist  der Plottwist, mit dem Jean ihre Sprache zurückerlangt und gemeinsam mit ihren alten Kollegen auf die Spur einer in höchsten Kreisen angelegten Verschwörung kommt – doch diese möchte ich natürlich für alle, die das Buch selbst lesen wollen, nicht spoilern. Leider lässt die Spannung auch durch einen merklichen Fokus auf wissenschaftliches Arbeiten immer weiter nach. Selbst Jeans spätere Ermittlungsarbeit tritt hinter dem starken Beginn mit der Settingschilderung deutlich zurück und gipfelt in einer indirekten Auflösung des Hauptplots, bei dem die handelnde Person letztendlich zudem noch bequem zugunsten der Zukunft unserer Hauptheldin entsorgt wird.

So stark Jeans Innenleben auch beschrieben wird, bei der Schilderung wesentlicher Nebenfiguren lässt die Autorin nach und macht gerade Patrick, der doch durch seine Stellung innerhalb der Familie ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt sein sollte, zu einem wenig umrissenen Schluffi, der zwar vorhanden ist und mitmacht, aber nie wirklich zur Persönlichkeit wird. Selbst die Entwicklung von Jeans ältestem Sohn Steven vom Mitläufer zum Widerständler hat mehr Profil und Emotion, somit eine vertane Gelegenheit, der Heldin einen interessanten Konterpart entgegen zu setzen.

Ebenso schade ist die Erkenntnis, dass die Drahtzieher hinter dem System genau innerhalb der erwarteten Schurkenparameter agieren und damit auf den Leser keine echten Überraschungen mehr warten. Durch die starke Konzentration auf Jeans Innenleben bleibt für alle anderen Figuren weniger Platz und schränkt deren Wahrnehmung durch Jeans Blickwinkel zusätzlich ein, was spätestens ihre Kollegen zu austauschbaren Randfiguren degradiert.
Würden Handlungsdichte und Spannungsbogen nicht spätestens im dritten Romandrittel spürbar nachlassen, wäre »Vox« eine Empfehlung, die ich an jeden weitergeben würde, den ich kenne. So aber verbleibt ein starkes Thema mit einer wirklich interessant ausgeführten Settingidee doch eher Sparteninteresse für Leser, die sich für außergewöhnliche Dystopien interessieren und sich nicht zu schade sind, auch mal ein paar Durststrecken bis zum Ende der Erzählung durchzustehen.

Fazit: Düstere Zukunftsvision mit starkem starkem Beginn und nachlassender Spannung bis zum Ende. Sechs von zehn möglichen Punkten.

Buchdetails: 
Titel: Vox
Originaltitel: Vox
Autor: Christina Dalcher
Übersetzer: Susanne Aeckerle, Marion Balkenhol
Buch/Verlagsdaten: Verlag S. Fischer, 15. August 2018, Gebundene Ausgabe, 400 Seiten, ISBN-13: 978-3103974072, 20€

Über Gloria H. Manderfeld

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