Buch

Rezension: Für alle Fälle Kincaid (Shadowrun)


Das Leben im Slum Puyallup in Seattle ist hart – Drogen, Kriminalität und BTL-Chip-Abhängigkeit sind nur drei der vielen dort lauernden Gefahren. Doch trotz allem gibt es noch Leute dort, die ein Auge darauf haben, dass die schlimmsten Auswüchse menschlichen und metamenschlichen Zusammenlebens nicht überhand nehmen. Der elfische Privatermittler und ehemalige Magier Jimmy Kincaid ist einer von jenen, die in ihrer Nachbarschaft einen Ruf als knallharte Ordnungsmacht erlangt haben. 
Ehemals stolzer Lone Star Mann, hat ihn der seelenzerfressende Angriff eines Vampirs eines Großteils seiner magischen Kräfte beraubt, nicht aber seines Kampfeswillens und Gerechtigkeitssinnes. Mit einer Vielzahl praktischer Cyberware ausgestattet, gelingt es Kincaid, gegenüber den Kriminellen der Nachbarschaft die Oberhand zu behalten – und dann ist da noch Ariana, sein mächtiger, selbst erschaffener Schutzgeist, die stets gut über ihn wacht.

Gute Voraussetzungen, ganz normale Fälle wie die Auffindung eines den Unterhalt schuldigen Ehemannes oder ein bisschen Aufräumen in einer Drogenkaschemme ohne Kratzer und weitere Schwierigkeiten zu überstehen. 

Doch als Kincaids ehemaliger Studienausbilder Dr. Minirth in seinem Büro in der Seattler Universität brutal getötet wird und Kincaid den Fall übernimmt, gerät das bis dahin recht geordnete Leben des Ermittlers deutlich aus den Fugen: bei einem heftigen Zusammenstoß mit einem mächtigen Vampirjäger verliert er Arianas Unterstützung und die Spur von Minirths Tod führt in die dunkelsten Regionen der Stadt, in welchen nicht nur ein grausamer Feind wartet, sondern auch eine Intrige, die Kincaid und seine Helfer in tödliche Gefahr bringt …

Wer ein Faible für Shadowrun hat, wird sich in Russell Zimmermans Roman »Für alle Fälle Kincaid« wie zuhause fühlen: schon im ersten Kapitel fühlt man sich dank der detailreichen und lebendigen Beschreibung von Kincaids Lebensumgebung im düsteren, dreckigen Slum Puyallup wie zuhause in der Welt der Schatten.
Wenn man sich wie ich erst wieder in die Welt einlesen muss, weil man einige Jahre abstinent war, fällt dies dank des recht gemächlichen Einstieges und der nachvollziehbaren, direkten Erzählweise sehr leicht.

Auch die Beschreibung der verschiedenen Funktionsweisen von Kincaids Cyberware hilft, um sich besser zurecht zu finden, während Kincaid seine ersten kleineren Fälle angeht. Der recht langsame Beginn führt den Leser in das Leben des eigenwilligen Privatermittlers ein und beschreibt dessen Lebenseinstellung anhand seines Handelns: er begreift sich als eine Instanz, die an bestimmten Stellen seiner Nachbarschaft für Gerechtigkeit und Sicherheit sorgt, dort, wohin die Polizeikräfte im Allgemeinen nicht blicken.

Dass dies auch zu einer recht schwierigen Lage für Kincaid führt, welcher sich zwischen den widerstreitenden Interessen zweier Mafiaorganisationen, mehrerer Gangs und ganz alltäglicher Gier nach dem großen Gewinn zurecht finden muss, versteht sich von selbst. Dieser Spaghat gelingt ihm nur durch ein weit verzweigtes Netz an Bekannten und Freunden.
Allerdings wirkt der Ermittler gerade während der ersten Fälle wie eine reichlich selbstgefällige Person, die sich ziemlich auf die durch seine Cyberware verbesserten Möglichkeiten und seinen Schutzgeist verlässt und damit auch eine recht großkotzige Art an den Tag legen kann.

Erst, als ihm diese Möglichkeiten nach und nach genommen werden und er dennoch versucht, das Unmögliche zu schaffen und sich mit einem übermächtigen Feind auseinanderzusetzen, wurde mir Kincaid wirklich als Haupthandelnder sympathisch, sein Überlebenswille und seine den Handlungen zugrunde liegenden Werte nachvollziehbar. 
Dieser lange, im Erzähltempo zudem einigermaßen langsam geratene Vorlauf des großkotzigen Kincaid ist, verglichen mit der Aufteilung zwischen Vorgeschichte und Hauptfall, fast zu lang geraten. Mich hat hier eher die Neugierde auf das noch Kommende bei der Stange gehalten denn die Sympathie mit dem Helden der Geschichte.

Die gesamte Erzählung wird ausschließlich aus dem Blickwinkel Jimmy Kincaids geschildert, wobei sich der Autor allerdings zwei Mal eine verdeckt ablaufende Handlung erlaubt, die er erst im Nachhinein als geschehen aufdeckt: das erhält zwar die Spannung in brisanten Sitationen, lässt allerdings auch den Eindruck aufkommen, man versuche die Situation gewaltsam mit einem Deus Ex Machina-Einsatz zu Gunsten des Protagonisten zu wenden. 
Wenn schon eine Erzählperspektive gewählt wird, die bestimmten Einschränkungen unterliegt, dann sollte man diese auch durchhalten und nicht um des Effektes willens dehnen oder sogar brechen. Dass dem Leser mehrfach suggeriert wird, dass er bei jeder Handlung Kincaids ‚anwesend‘ ist, nur um in wichtigen Szenen festzustellen, dass die entscheidenden Entwicklungen abseits der Leseraufmerksamkeit stattgefunden haben, ist das irgendwann ein bisschen frustrierend.

Abseits dieses Umstandes jedoch macht Zimmerman alles richtig: er entwirft interessante Handlungsorte, die sich in ihrem Wesen stark unterscheiden, es gelingt ihm zudem, Nebenfiguren einzuführen, deren Charakter auch bei einer größeren Menge an Anwesenden unverwechselbar bleibt. Gerade, wenn man selbst schon Shadowrun gespielt hat, wirkt die Aufmachung der Straßensamurai sehr vertraut, auch der eher ruppige Umgang der Charaktere miteinander passt zum rauen Milieu der Schatten.
Zimmermans Erzählweise verwendet genretypisch viel Ironie, manche der Beobachtungen Kincaids seiner Umgebung und Mitmetamenschen geraten so sarkastisch, dass ich beim Lesen laut lachen musste. Dass sich der Autor an literarischen Vorbildern wie den markigen Ermittlern Philip Marlowe und Mike Hammer orientiert hat, ist an so manchen Stellen deutlich zu merken.

Bei der Darstellung eines Film Noir-Detektivs in einem metamenschlichen Gewand leistet der Autor sehr gute Arbeit, sodass ich am Ende der immer rasanter verlaufenden Erzählung und nach der gelungenen Aufklärung des Falles ein bisschen wehmütig feststellen musste, die letzte Seite und damit den Epilog erreicht zu haben.
Besonderes Highlight des Romans war für mich der Kurzauftritt eines Shadowrun-NPC, den ich vor mehr als zehn Jahren im ebenfalls von mir rezensierten Roman »Das Terminus-Experiment« kennen gelernt habe und der damit zu einer willkommenen Überraschung wurde. 

So kommen bei »Für alle Fälle Kincaid« im Grunde viele Lesertypen auf ihre Kosten: Fans von schmutziger Straßenarbeit ebenso wie Krimifreunde und Anhänger der düster-ironischen Film-Noir-Erzählweise. Ideal, wenn man alle drei Elemente mag und der Erzählung genug Zeit lässt, mit einem sympathischer werdenden Helden vertraut zu werden, dann macht man mit diesem Roman alles richtig.

Fazit: Launige Shadowrun-Kriminalgeschichte, die eine Weile braucht, um in Fahrt zu kommen. Acht von zehn möglichen Punkten.

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Buchdetails: 
Titel: Shadowrun: Für alle Fälle Kincai
Originaltitel: Shaken (No Job too small)
Autor: Russell Zimmerman
Übersetzer: Oliver Hoffmann
Buch-/Verlagsdaten: Pegasus Press, Taschenbuch, 15. März 2017, 317 Seiten, ISBN-13: 978-3957890986, 12,95€

Das Rezensionsexemplar wurde von Pegasus Spiele zur Verfügung gestellt - vielen lieben Dank dafür!

Über Nerd-Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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