Buch

Rezension: Smoke


Was wäre, wenn jede Begierde, jeder dunkle Gedanke, ja selbst freundlich gemeinte Lügen sofort für alle anderen Menschen sichtbar wäre? In einem zur historischen Entwicklung parallelen, viktorianischen England ist dieser Schrecken wahr geworden, denn derartig sündhaftes, triebbedingtes Tun manifestiert sich für alle sichtbar durch schwarzen Rauch, welcher von der jeweiligen Person aufsteigt und ebenfalls die Kleidung mit feinem Ruß bedeckt, sodass man schon seine Kleidung wechseln müsste, um verräterische Spuren zu tilgen. 
Gerade für Kinder aus der Oberschicht ist es schwer, dem Rollenmodell ihrer Zeit zu entsprechen, denn Gentlemen rauchen nicht – und diese Anforderung wird auch an den Nachwuchs der Gentlemen gestellt. In Internaten werden die Zöglinge auf ein möglichst sündenfreies Leben getrimmt und müssen sich harten Regularien unterwerfen.

Gerade für Thomas Argyle ist es schwer, sich zu beherrschen, da er unter all den wohlgeborenen Jungen ausgerechnet jener ist, der als Sohn eines verurteilten Mörders mit einem schmutzigen Geheimnis an die Schule gekommen war und deswegen vom beliebtesten Mitschüler, Julius Spencer, in einer Art Schüler-Inquisitionsgericht verhört wird, bis er vor Zorn zu rauchen beginnt. Trotz eines auf die Verfehlungen folgenden Strafgerichts beim Internatsrektor darf Thomas mit seiner Klasse auf eine Exkursion nach London fahren. Dort entdeckt sein bester Freund Charlie einen Mann, der inmitten einer riesigen Menschenmenge trotz widrigster Umstände nicht raucht, und beide beginnen, sich über den Rauch Fragen zu stellen – und darüber, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, ihn dauerhaft zu vermeiden. Unversehens schliddern die beiden in eine Verschwörung hinein, in der nicht nur ihr Leben auf dem Spiel steht …


In Dan Vyletas Roman »Smoke« wird geschickt Historisches mit purer Phantastik vermischt, sodass aus den eigentlich bekannten, gesellschaftlichen Umständen des viktorianischen England durch das Hinzuerfinden des Rauches eine ganz neue, eigene Welt entsteht, in die man als Leser gerade in der ersten Hälfte des Buches sehr gerne eintaucht. Mit missionarischem Eifer kontrollieren die Erwachsenen die Zöglinge von Thomas‘ Internats, doch auch die Schüler selbst treiben das gegenseitige Piesacken mittels peinlicher Fragen und dem unweigerlich darauf folgenden Rauch auf eine neue Spitze.

Puritanischer, fast religiös anmutender Besserungseifer einer streng reglementierten Gesellschaft kollidiert mit jugendlichem Überschwang und Leichtsinn, vorgebliche Reinheit mit allerlei hinterfotzigen Tricks, sich seine Sünden leisten zu können, ohne dass es der Allgemeinheit bewusst werden kann. Dabei stellt sich der Leser ganz von selbst eine Menge Fragen, die diesen Weltentwurf so interessant machen und mich initial dazu gebracht haben, dieses Buch lesen zu wollen: woher stammt der Rauch, was hat ihn einst ausgelöst? Wie würde man selbst in einer solchen Gesellschaft klar kommen können? Würde man selbst zu Tricks greifen, um vor den Mitmenschen nicht schlecht dazustehen? Wie würde man mit den sichtbaren Verfehlungen anderer umgehen?

Dabei wirkt der Rauch wie eine Allegorie auf den Wahn der Realität, ein möglichst makelloses und für die Nachbarn perfekt wirkendes Leben zu führen. Erst, wenn man die Gelegenheit erhält, hinter die Fassade zu blicken (und, um beim Konstrukt von »Smoke« zu bleiben, keine Chance mehr zu haben, den aufsteigenden Rauch zu verbergen), sieht man, dass die ach so glücklich wirkende Nachbarsfamilie eine tiefgreifende Zerrüttung verbirgt, das protzige Auto des Kumpels nur geleast wurde und dieser unter einem Berg Schulden stöhnt – und so weiter. 
Dementsprechend werden die fordernden Erwachsenen, welche den Nachwuchs mit striktem Reglement unterdrücken, nach und nach demontiert, sodass die drei Haupthandelnden Thomas, Charles und Livia einen eigenen Blick auf die Welt entwickeln und sich schließlich aus den Vorgaben ihrer Umwelt emanzipieren können.

Die schlimmste Demaskierung war für mich der Lehrer Mr. Renfrew, dessen Hinwendung zu modernen Methoden ihn zunächst sympathisch wirken lässt, da er die Jungen im Internat damit durchaus vor schlimmeren Konsequenzen bewahren kann. Entdeckt man jedoch das wahre Ausmaß seiner fanatischen Kontrollsucht durch seinen Umgang mit der jungen Eleanor, graust es einen umso mehr. Unter all diesen Getriebenen wirken die jugendlichen Helden in all ihrer Verwirrtheit, den aufkommenden Emotionen und ihren Versuchen, sich in der Welt zurecht zu finden, noch am normalsten, sodass es dem Autor somit gelingt, eine Verbindung zwischen den Lesern und seinen Figuren herzustellen. 

Weniger passend wirkt dabei die Dreiecks-Beziehungskonstruktion zwischen den dreien, die inzwischen bei Coming-of-Age-Storys schon ein gewisser Standard zu sein scheint, um jüngere Leser anzusprechen. Was sich zwischen den dreien entwickelt, wirkt teilweise recht aufgesetzt und erzwungen, etwas weniger Liebeskuddelmuddel und dafür ein besser gehaltenerer Spannungsbogen in der zweiten Buchhälfte hätte der Erzählung sicherlich gutgetan.

Denn daran krankt der Roman leider sehr: nach einem interessanten Beginn, in welchem der Autor seine Welt und die Haupthandelnden samt ihrer Motivationen vorstellt, verzettelt sich die Handlung im schnellen Perspektiv- und Szenenwechsel. Trotz gut beschriebener Abwechslung in den Blickwinkeln schleichen sich Längen ein, spätestens aber ab der Flucht der drei fiel es mir sehr schwer, noch motiviert mit dabei zu bleiben und das Buch zuende zu lesen. 
Natürlich ist die Abenteuerkomponente in einer feindlichen Umwelt reizvoll, aber die Spannung einer solchen Situation zündet nie wirklich, da die Liebeswirrungen zwischen den dreien und die zunehmend wirrer werdende Gesamtsituation mit den immer weniger nachvollziehbareren Handlungen der Haupthandelnden einen immer wieder abschweifen lassen.

Die letztendliche Auflösung wirkt dadurch eher unbefriedigend, hinterlässt mehr offene Fragen, als die Erzählung bis dahin zu beantworten fähig war und verliert sich im Versuch, geheimnisvoll und beeindruckend zu bleiben. Besonders traurig ist dies angesichts der wirklich gut konstruierten Welt, die sicherlich noch weitaus mehr getragen hätte als die vorhandene Erzählung. 
Vielleicht hat der Autor hier zu viel gewollt, neben dem Unterhaltungsaspekt zu viel Moral hinein gezwängt, zu viel Existenzielles, um wirklich nachhaltig zu berühren – ein seltsam distanziertes Grundgefühl bezüglich der Hautphandelnden konnte ich jedenfalls bis zum Ende der Erzählung nicht loswerden.

Fazit: Spannende, phantastische Welt mit einer Erzählung, die ab der zweiten Buchhälfte leider enorm an Reiz verliert. Fünf von zehn möglichen Punkten.


Buch-/Verlagsdetails:
Titel: Smoke
Originaltitel: Smoke
Autor: Dan Vyleta
Übersetzer: Katrin Segerer
Buch-/Verlagsdaten: carl's books, broschiert, 13. März 2017, 624 Seiten, ISBN-13: 978-3570585689, 16,99€

Das Rezensionsexemplar wurde vom RandomHouse-Bloggerportal zur Verfügung gestellt - vielen Dank! 

Über Nerd-Gedanken

Nerd-Frau Mitte 30 und Kreative aus Leidenschaft, die permanent unter Ideen-Überdruck leidet. Schreiben, zeichnen und neue Welten entwerfen sind meine Hauptbeschäftigung. Man findet man mich im Netz überall dort, wo interessantes Rollenspiel und faszinierende Menschen locken.

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